Evolutionen von Fotografen

Ein Fotograf wird geboren

Es beginnt ganz harmlos. Man kauft eine Kamera oder bekommt sie geschenkt. Und jetzt ist nichts mehr sicher. Es wird fotografiert, was nicht bei zwei auf dem Baum ist. Die Katze auf dem Sofa, das Essen auf dem Teller. Ein bisschen unterbelichtet, blĂ€ulich schimmernd, aber das tut der Begeisterung des gerade geborenen Fotografen keinen Abbruch. Es wird fotografiert, was das Zeug hĂ€lt, um zu sehen, wie es fotografiert aussieht. Das an sich ist nichts Beklagenswertes, nur postet der Baby-Knipser sofort weitlĂ€ufig auf den ĂŒblich verdĂ€chtigen Social Media Seiten und fragt nach Meinungen, ehrlichen.

Der Weg teilt sich

Der nĂ€chste Entwicklungsschritt macht sich bald bemerkbar. Der eine kristallisiert sich als technikfreies Talent heraus, der andere als talentfreier Techniker. Der Fairness halber muss man sagen, dass man als Vertreter der ersteren Kategorie durchaus etwas in der Fotografie bewirken kann, in der letzteren Kategorie werden meistens nur grĂ¶ĂŸere Summen in die falsche Richtung fließen fĂŒr Kameras, Objektive, Stative, Filter etc., die selten bis gar nicht zu bedeutsamer Anwendung kommen.

Man registriert sich bei der Modelkartei

Oder tritt der gleichnamigen Facebookgruppe bei oder auch den Alternativen dazu. Der erste Meilenstein in einer Karriere des Studiofotografen mit Schwerpunkt auf Textilknapp- oder -freiheit. Großes Lob und viele Likes sind einem sicher, denn man trifft auf viele Gleichgesinnte, die technisch und bildkompositorisch Ă€hnlich wenig ambitioniert sind. Meist beginnt die Suche nach Models ĂŒber TfP-Jobs ohne Geldfluss, dann folgt schnell die Erkenntnis, dass das eine Sackgasse ist. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Der Social Media Selbstvermarkter

Es gibt viele Klone von Scott Kelly, dem amerikanischen Chefredakteur eines Photoshop-Magazins. In deutschen Landen einer der ersten Stunde nennt sich Calvin Hollywood, in zweiter und vielleicht auch dritter Generation gibt es dann noch Benjamin Jaworskyj und Laura-Helena Rubahn. Es gibt derer viele. Und sie sind alle mindestens wöchentlich auf Facebook und Konsorten mit kleinen selbstgedrehten Filmchen vertreten, in denen sie die Geheimnisse ihres Workflows an die weniger BegĂŒnstigten weitergeben. Wichtigstes Merkmal ihrer Bilderkunst: Minimaleinsatz von Bildaussage (langweiliges Posing), Maximalbearbeitung in Richtung Oomph und Aaah. Also bis zum Anschlag aufgehyptes Durchschnittshandwerk. Den meisten Umsatz erzielen sie mit Tutorials und Workshops, weshalb ihr Bilderstil sich dann auch sehr schnell verbreitet und mehr oder weniger gelungen von vielen Nachahmern eingesetzt wird.

Der biometrische Bilderknecht

Ja, auch diese Spezies muss es geben, die zwischen Passbild-Photobooth und Fotoabzugsdrucker pendelt und dazwischen Kompaktkameras mit Minimargen verkauft. Kennt man.

Der Konzeptfotograf

Die Schreiberin dieser Zeilen zĂ€hlt sich natĂŒrlich zu einer anderen Gruppe von FotokĂŒnstlern. Den Konzeptfotografen. Man sucht sich ein Herzensthema und versucht, Gleichgesinnte zu finden, die bereit sind, dies vor der Kamera darzustellen. Im Idealfall modelt der Mensch hinter der Kamera auch ab und zu selbst, aber meistens ist er auf einen besser aussehenden Seelenverwandten angewiesen, der kongenial impersoniert. Mögliche Themen sind Verlassensein, Verzweiflung, Verletzbarkeit, Magerwahn etc.

Der In-Fotograf

Meistens hat er in den 80er Jahren bereits angefangen, sein dichtes Netzwerk zu knĂŒpfen. Sein Anspruch an die fotojournalistische Arbeit ist hoch, sein Vorgehen routiniert. Mittlerweile ist er dann doch schon Mitte 50, ein- bis zweimal geschieden und hat mindestens zwei BĂŒcher ĂŒber entfesseltes Blitzen oder der eigene Bildstil u.Ă€. geschrieben. Der Fotoblog wird regelmĂ€ĂŸig von 50.000 Menschen gelesen und geliket.

Der weltbekannte Promifotograf

Wichtigste Voraussetzungen fĂŒr ihn ist, dass er die Kamera gerade halten und ohne zu wackeln auf den Auslöseknopf drĂŒcken kann. Mehr braucht es nicht. Wenn eine Heidi Klum jenseits des Objektivs steht, weiß sie, was zu tun ist oder auch ihre Art Direktoren, Visagisten und ungefĂ€hr 20 andere, die versprengte FĂ€dchen und FĂ€ltchen ordnen.

So leicht machen sich es die Giganten der Gegenwart aber nicht, denn hier kommen die großen Namen zum Aufruf: Annie Leibovitz, Peter Lindbergh, Joe McNally etc. das sind die Menschen, die seit 30 Jahren die BerĂŒhmten auf Film oder SD-Karte bannen. Und sie stehen fĂŒr GenialitĂ€t, ihre Bilder sind moderne Ikonen.

Leidenschaft

Egal, in welchem fotografischen Bereich man sich wieder findet, das wichtigste ist die Leidenschaft, mit der man seine Bilder produziert.

Das mag die Food-Bloggerin sein, die regelmĂ€ĂŸig auf höchstem Niveau arbeitet, auch wenn es nur fĂŒr Sie selber ist:

http://elisabethvonpoelnitz.de/

Oder der Blogger, der einen fotojournalistischen und sozialen Anspruch, der wehtut und aufrĂŒttelt, auch wenn es kein Geld dafĂŒr gibt:

http://martingommel.de/

Die junge Gothic-KĂŒnstlerin, die nach ihrem Weg sucht:

http://tessajeancook.blogspot.de/2016/01/von-alten-wegen-und-neuen-ziel-oder-das.html

Oder auch die ambitionierte Hobbyfotografin, die nachts mit Stativ unterwegs ist und Welten einfÀngt:

http://photografic.net/

Jeder trÀgt zur Bereicherung der Bilderwelten bei.

PS: In jeder Evolutionsstufe kann man wie in einer Sackgasse stecken bleiben, den wenigsten ist es vergönnt, zum weltbekannten Promifotograf aufzusteigen. Muss man auch nicht. Wenn man es nicht schafft, vertikal weiterzukommen, bleibt natĂŒrlich die horizontale Entwicklung innerhalb des gewĂ€hlten Bereichs, indem man einfach dabei bleibt und weitermacht, aber bitte mit Leidenschaft.