Untergang des Abendlandes

„Mir war nie langweilig“

Jochen Schoberth ist ein Urgestein der Bayreuther Musikszene. In den 1980er Jahren fĂŒhrte er die Etage in der Markgrafenallee und ist bis heute aktiver Gitarrist in der von ihm gegrĂŒndeten Band: „Bella Donna“. Er bezeichnet sich selbst zuerst als Musiker, dann als Ton- und Videotechniker. Hier verlinkt die Stadt der TrĂ€ume aus Etagezeiten, 1992:

In seinem Studio finden sich einige legendĂ€re SammlerstĂŒcke wie Artwork, Jupiter-6 oder Emax an musikalischem Equipment, die heute noch ihren Dienst tun und aus Modellreihen stammen, mit denen frĂŒher Depeche Mode, Van Halen, Genesis und andere arbeiteten. So ist Jochens Credo, dass die StĂŒcke, die er auswĂ€hlt, nicht bloßes Werkzeug, sondern Inspiration sein sollen. So ist es wenig verwunderlich, dass er langjĂ€hriger Macuser ist, was ein alter PPC 7200 beweist, auf dem heute noch FileMaker fĂŒr die Buchhaltung lĂ€uft.  Einige seiner Ă€lteren Rechner beherbergen Spezialprogramme, fĂŒr die es keine aktuellen Upgrades mehr gibt. Wer wie ich eine alte 2009er KĂ€sereibe sein eigen nennt, weiß es zu schĂ€tzen, dass Jochen quasi nebenbei unter Geplauder ein Prozessorupgrade einbauen kann, wenn ich als grobmotorische EigentĂŒmerin den Mut dazu nicht habe. Er kennt wirklich fast jeden Mac der vergangenen Jahre sprichwörtlich in- und auswendig.

Bereits vor Corona erkannte Jochen, dass die Zeiten fĂŒr Musiker sich Ă€ndern wĂŒrden. Nachdem die Anzahl von Festivals in den 1990ern stark anstieg, kam es zu einem VerdrĂ€ngungswettbewerb, aus dem die großen Etablierten wie „Wacken“ und „Rock im Park“ als feste GrĂ¶ĂŸe hervorgingen. Andere wiederum verschwanden von der BildflĂ€che. Tendenz weiterhin abnehmend.

Eine Parallele dazu sieht er auch in den einschlĂ€gigen Fachmessen, die ebenfalls vor Jahren an Bedeutung verloren. Die Kundengewinnung geht heute ĂŒber andere KanĂ€le, man spart sich gerne sĂŒndhaft teure Standmieten, die man erst mĂŒhsam ĂŒber Projekte wieder amortisieren mĂŒsste.

Mit Corona nehmen diese Entwicklungen an Fahrt auf. Großveranstaltungen, seien es Festivals oder Fachmessen, sind auf Monate hinaus auf Eis gelegt. Jochen rechnet damit, dass das in 2021 so bleiben wird. Als die Krise begann, hatte er gerade erheblich in Aufnahmetechnik fĂŒr fest gebuchte lukrative Engagements investiert, die dann gezwungenermaßen nicht stattfinden konnten. GlĂŒcklicherweise konnte er mit der bayerischen Soforthilfe ein paar Wochen ĂŒberbrĂŒcken bis er andere Projekte durchfĂŒhren konnte.

Ein Highlight war die Aufnahme und das Streaming der Oper „Sonnenflammen“ von Siegfried Wagner im Bayreuther „Reichshof“. Das Besondere an der Veranstaltung war, dass sie unter strengen Hygieneauflagen – also coronagerecht – ablief. Der Dirigent hatte im Vorfeld die Orchestermusik mit hochwertigen digitalen Samples eingespielt (digitales Orchester) und das ganze Ensemble bewegte sich quasi in QuarantĂ€ne, indem sie zwischen den Proben im Hotel und den AuffĂŒhrungen pendelte, ohne Kontakt zur Bevölkerung zu haben. Die Zuschauer wiederum wurden nur in begrenzter Zahl eingelassen, so dass der Abstand auf den StĂŒhlen gewahrt wurde.

Mich wunderte, dass ich von dem Projekt zwar auf Jochens Facebook-Seite https://www.facebook.com/jochen.schoberth erfahren, aber ansonsten keine offizielle Kommunikation zum Konzert wahrgenommen hatte. Kann es sein, dass das Coronagetöse auf allen KanĂ€len solche Veranstaltungen verdrĂ€ngt? Momentan hört man fast nur Negatives, dass Martini und WeihnachtsmĂ€rkte unter freiem Himmel abgesagt werden. Werden am Ende dadurch positive Meldungen ĂŒbersehen?

Jochen befĂŒrchtet, dass Corona soziale Ungerechtigkeiten befeuern wird, was nichts Ungewöhnliches fĂŒr Krisen ist. FĂŒr ihn ist jedoch wichtiger, dass unaufschiebbare Entwicklungen endlich beschleunigt werden, ĂŒber die lange geredet wurde, und fĂŒr deren Umsetzung jetzt die Weichen gestellt werden. Zum einen nennt er den Klima- und Umweltschutz, fĂŒr den die eigene Einstellung zu UrlaubsflĂŒgen ĂŒberdacht werden muss. Soll man wirklich zweimal im Jahr wegfliegen oder gar mit einem Kreuzfahrtmonster durch die Meere schippern? Der ökologische Fußabdruck muss kleiner werden und Corona ist die Gelegenheit, das jetzt RealitĂ€t werden zu lassen.

Seine Lebensphilosophie war schon immer, dass man das hart erwirtschaftete Geld nachhaltig und sinnvoll ausgeben sollte. So ein Auslandsurlaub sei zwar schön, aber das Geld sei ihm zu schade. Da bin ich an meine eigene SelbststÀndigkeit erinnert, in der ich schwer vorausplanen konnte, wann ich mal eine Zeit wegfahren könnte. Es ergibt sich fast zwangslÀufig eine Verschmelzung von Freizeit und Arbeit, Beruf und Hobby, wenn man das, was man macht, einfach liebt.

Jochen Ă€rgern die Coronaleugner, von denen er glaubt, dass es vor allem Singles sind, die gewohnt sind, ihren Egoismus auszuleben. Diese fĂŒhlten sich derart eingeschrĂ€nkt, dass sie absurden Verschwörungstheorien anhingen, die ihren Frust und Zorn auf die Anti-Coronamaßnahmen vermeintlich rechtfertigen. FĂŒr ihn gibt es keine Diskussionen darĂŒber, ob man alles daran setzten sollte, Leben zu schĂŒtzen, es ist moralische Pflicht. Nach seiner Meinung tut die Politik nicht genug, um den Virus konsequent einzudĂ€mmen. Besonders Donald Trump habe Covid anfĂ€nglich nicht ernst genommen und habe deshalb die schlimmen Konsequenzen zu verantworten.

Ich frage Jochen, ob er kreative LösungsansĂ€tze gebraucht hat, um durch die Coronazeit zu kommen. Er meint, fĂŒr ihn habe sich nicht viel geĂ€ndert, ihm sei nie langweilig geworden. Seine Brot- und Butterjobs habe er weiter machen können, z.B. CD-Mastering fĂŒr Musikmagazine. Auch der Probebetrieb von „Bella Donna“ sei normal weitergelaufen, da der Raum groß genug ist und die Band fand Zeit, an neuen StĂŒcken zu arbeiten. Liegengebliebenes wartet bis heute auf Aufarbeitung.

Wahnfried in 3D auf Sketchfab

Außerdem braucht Jochen keine Krisenzeiten, um sich weiterzuentwickeln, denn das tut er seiner Natur gemĂ€ĂŸ eigentlich stĂ€ndig. Über die BeschĂ€ftigung mit Drohnentechnik, sowohl fĂŒr Fotografie als auch Video, kam er auf die Idee markante BaudenkmĂ€ler in 3D-Objekte umzusetzen. Selbst die Villa Wahnfried war nicht vor ihm sicher oder ein Bahnhof im Bayreuther Umland. NatĂŒrlich reicht es nicht, wenn man digitale Daten erstellt, ein 3D-Drucker wurde angeschafft, um Modelle herzustellen, die dann von ihm zuletzt per Airbrush gefinisht werden.

Live-Streaming von Konzerten ist angesagt in Zeiten, in denen Publikum nicht anwesend sein darf. Jochen bedauert, dass die QualitĂ€t zu hĂ€ufig bescheiden gewesen sei. Sein professioneller Anspruch brachte ihm den Auftrag ein, ein Soloklavierkonzert am berĂŒhmten Liszt-FlĂŒgel aus dem Rokokosaal bei Steingraeber zu streamen. Eine Technik, die ganz und gar nicht trivial ist, da die Latenzen zwischen Bild und Ton ausgeglichen werden mĂŒssen, so dass Ton und Video synchron sind und das in Echtzeit. Das beherrscht wirklich nicht jeder.

NatĂŒrlich bin ich beeindruckt von so viel Erfahrung und Wissen, kann mir natĂŒrlich nur die HĂ€lfte der genannten FachausdrĂŒcke und GerĂ€te merken, aber lasse mich zum Schluss noch schnell mit einem iPhone und 3D-Software scannen.

Lasst Corona nicht euer Leben kontrollieren

Ulric Nijs aus Belgien ist kein bildender KĂŒnstler. Seine Leidenschaft sind Cocktails und besondere Spirituosen, wie der hierzulande wenig bekannte chinesische Baijiu. Man kann sagen, seine Werke sind temporĂ€r, sie werden manchmal innerhalb von Minuten hinter die Binde gekippt. Und doch sind sie durchaus als Kunst zu bezeichnen, denn seine Kreationen sind fein aufeinander abgestimmt, die Zubereitung der Cocktails oder Longdrinks wird vor dem Gast zelebriert, es entsteht eine Art Musik fĂŒr den Gaumen aus Geschmack. Kompositionen, die dem Gaumen schmeicheln – und die natĂŒrlich allesamt alkoholisch sind, wie die Schreiberin dieser Zeilen feststellen musste, als sie die guten China-BrĂ€nde höchstselbst probierte.

Was tut also ein Cocktailmixer und Spirituosen-Berater? Er reist ĂŒblicherweise durch die Welt, denn seine Kunden sind weit zerstreut, Japan, China und Venezuela wĂ€ren 2020 seine Reiseziele gewesen, nur konnte er Deutschland nicht verlassen, aus bekannten GrĂŒnden.

Alle Veranstaltungen, auf denen seine Expertise gefragt wĂ€re, wurden abgesagt. Neue Forschungsreisen auf der Suche nach unbekannten aufregenden Baijiu-Sorten in China waren einfach nicht möglich. Auch aktuell ist es sogar fĂŒr Chinesen nicht einfach, das Land zu verlassen und dann wieder einzureisen. Daher ist es umso schwieriger fĂŒr AuslĂ€nder, dorthin zu gelangen.

AnfĂ€nglich dachte Ulric, dass die Pandemie temporĂ€r sein wĂŒrde. Dass er spĂ€testens ab der zweiten JahreshĂ€lfte seine GeschĂ€fte wieder aufnehmen könne. Hier in Deutschland sind die Möglichkeiten fĂŒr seine Arbeit mit Spirituosen sehr eingeschrĂ€nkt. In Oberfranken, wohin ihn die Liebe ursprĂŒnglich verschlagen hatte, ist es ganz desolat. Die wenigen Jobs, die Cocktailmixen oder Bartending beinhalten, sind fĂŒr einen Kenner seines Fachs nicht geeignet.

Im Cocktailentwicklungsland Oberfranken hĂ€lt Ulric die Liebe zu seinem Sohn, den er als sein Leben bezeichnet, und fĂŒr den er seine beruflichen Aussichten hintanzustellen bereit ist. Aber auch in Metropolregionen, wo es eine Barkultur gibt, hat Corona erbarmungslos zugeschlagen. Rigorose Schließungen von Kneipen oder frĂŒhe Sperrstunden haben viele Freunde und Kollegen von Ulrich in Existenznöte gebracht. Gerade die Gastronomie leidet unter dem Wegbleiben der GĂ€ste oder den Maßnahmen, die den Virus einschrĂ€nken sollen, aber vor allem den Leuten die Lust am Ausgehen vergĂ€llen.

Wie finanziert sich Ulric nun, da seine BeratungstĂ€tigkeiten weggebrochen sind? Er erzĂ€hlt mir, dass sein ursprĂŒngliches Hobby, seine Cocktails zu fotografieren, mittlerweile seine Fixkosten zum großen Teil sichert. http://thefullpix.de Er fotografiert Neugeborene in KrankenhĂ€usern im Bayreuther Landkreis  und hat so auch die soziale Sicherung von Kurzarbeit genießen dĂŒrfen, die ihm als SoloselbstĂ€ndigen sonst nicht zuteil wĂŒrde.

Die Freizeit konnte er nutzen, um seine Skills in der Produktfotografie zu perfektionieren, was ihm auch AuftrĂ€ge nebenbei einbringt. Aber das Home Office ist fĂŒr ihn eher eine Sackgasse, denn seine Fotoobjekte, die Flaschen mit den begehrten Spirituosen, können wegen der Bruchgefahr schlecht per Post versendet werden. Seine Arbeit hĂ€ngt tatsĂ€chlich von persönlichen Exkursionen und Kontakten zu Herstellern und Erzeugern ab.

Die Reisen, die derzeit möglich sind, bringen jedoch auch Nachteile mit sich. So muss Ulric etwaige QuarantĂ€nezeiten mit einplanen, was mit seinem Tagesjob kollidieren könnte. Auch innerhalb der EU werden Risikogebiete oder Hotspots ausgerufen, wie z.B. in BrĂŒssel in seinem Heimatland Belgien. Dort findet ein wichtiger Wettkampf fĂŒr Spirituosen statt, fĂŒr den Ulric als Preisrichter geladen ist.

Welche Erfahrungen machte Ulric in der Coronausnahmezeit? Zum einen hat Ulric es als angenehm empfunden, die nĂ€here Umgebung um seinen Heimatort zu erkunden und so genoss er es z.B. AusflĂŒge zum Klettern in die frĂ€nkischen Schweiz zu machen, in der er magische Momente erlebte. Statt also in exotische Fernen zu schweifen, blieb er gezwungenermaßen mehr im Lande und fĂŒhlte sich aber als Globetrotter ziemlich eingesperrt. Nicht einmal ein spontaner Kurztrip nach Prag ist momentan möglich, was Ulric bedauert, da er dort gerne eine Freundin besuchen wĂŒrde.

Corona ist nicht die erste Epidemie, die Ulric mitmacht. SARS und MERS hat er selbst vor Ort erlebt und ĂŒberlebt. Somit schreckt ihn SARS-CoV-2 nicht besonders, auch wenn er selbst zur Risikogruppe gehört. Mehr Sorgen bereiten ihm die finanziellen Folgen, die der Virus fĂŒr ihn nach sich zieht. Barleute gehen heutzutage zuhauf pleite.

Auch wenn er alles andere als ein Fan von Donald Trump ist, so muss er dem US-PrĂ€sidenten Recht geben, wenn er sagt: Lasst Corona nicht euer Leben kontrollieren. Ulric meint, wir mĂŒssten alle sterben, aber er selbst möchte nicht wie ein Vogel im KĂ€fig leben, sondern frei fliegen, auch wenn das gefĂ€hrlich, potenziell gar tödlich sein mag.

Schockiert war Ulric auch darĂŒber, wie sehr sich Leute auf Facebook ĂŒber das Thema entzweien. Er findet, dass man sich weniger von der Panik einnehmen lassen sollte. Eines Tages wird auch diese Pandemie unter Kontrolle sein und das Leben geht sowieso inzwischen weiter, meint Ulric. Es macht keinen Sinn, sich so verbiegen zu lassen.

Wenn es wieder möglich ist, möchte Ulric wieder hinaus in die weite Welt und neue Geschmacksvarianten finden, mit denen er die Freunde von Spirituosen und MixgetrĂ€nken bereichern kann. Auf seinem Gebiet möchte er nach Höheren streben und hat noch viel vor. Das Virus behindert ihn zwar dabei, aber das ist wahrscheinlich nicht die letzte Pandemie, die er erleben wird. Nur ist es eben dieses Mal eine, die seine wirtschaftliche Existenz gefĂ€hrdet. Daher hofft er auf ein baldiges Ende. Denn in seinem Beruf ist „social distancing“ ein Insolvenzgrund.

TheaterdÀmmerung

Acht Jahre ist es schon her, dass ich die Plakate und Programmhefte fĂŒr den Kulturstadl in Bayreuth gestalte. Seit 1982 werden jedes Jahr vier bis fĂŒnf StĂŒcke vorbereitet und auf die BĂŒhne gebracht. Das alles von ehrenamtlichen SchauspielerInnen, RegisseurInnen, BĂŒhnenbildnerInnen, TechnikerInnen und vielen helfenden Geistern, die KostĂŒme nĂ€hen, schminken, Tickets oder GetrĂ€nke verkaufen. http://www.kulturstadl.de

Im MĂ€rz 2020 endete abrupt die Vorbereitung auf das StĂŒck „Wie Bonnie und Clyde“. Plakate und Programmzettel waren schon fertig gedruckt und doch musste das Amateurtheater im Zuge der Versammlungsverbote meines Wissens erstmalig schließen. Seitdem gab es nur eine AuffĂŒhrung unter freiem Himmel – „das Heckentheater“ – die BĂŒhne bleibt seit Monaten unbespielt. Jetzt im Herbst wĂ€re wieder MĂ€rchenzeit gewesen, mitunter die aufwĂ€ndigste Produktion im Jahr, die mit Mehrfachbesetzungen von aufgeregten Kindern aufwartet, weil die SchauspielerInnen im Grundschulalter natĂŒrlich nicht so viele Spieltermine wahrnehmen können, wie sie um Weihnachten ĂŒblicherweise stattfinden. Diese VorfĂŒhrungen waren eine feste GrĂ¶ĂŸe am Jahresende und immer gut besucht. Vor genau einem Jahr hatten Ruby Tanner und Sonja Vogtmann die Regie bei „Rapunzel“ ĂŒbernommen und so kontaktierte ich die beiden Freundinnen, um sie ĂŒber ihre Erlebnisse wĂ€hrend der spiel- und regiefreien Zeit zu befragen.

Beide antworteten unisono, dass sie die sozialen Kontakte vermissen, die das Theatermachen mit sich bringt. Wer das noch nicht selber miterlebt hat, kann sich gar nicht vorstellen, wieviele Stunden man miteinander verbringt bis ein StĂŒck bĂŒhnenreif ist. Da ĂŒberrascht es nicht, dass dort Freundschaften fĂŒrs Leben beginnen (und leider manchmal auch beendet werden). Ruby und Sonja standen schon hĂ€ufiger zusammen auf der BĂŒhne, obwohl beide betonen, dass das eigentlich der geringste Anteil an der Schauspielerei ist. Viel mehr fallen die praktischen Herausforderungen ins Gewicht, die Fragen und Probleme, die bei der Realisierung von StĂŒcken aufkommen und die gemeinsam gelöst werden mĂŒssen. Von Musikauswahl, KostĂŒmproblemen ĂŒber Besetzung bis zu schrillenden Telefonklingeln und anderem BĂŒhnen-Effekten reichen die Herausforderungen und gehen noch darĂŒber hinaus. Ruby und Sonja meinen, das sei der eigentliche Kern ihrer TĂ€tigkeiten – Lösungen zu finden – vor allem, wenn sie zusammen Regie fĂŒhren.

Es ĂŒberrascht mich, dass das eigentliche Schauspielen auf der BĂŒhne so in den Hintergrund tritt, aber die beiden versichern mir, dass fĂŒr sie das Team und die gemeinsame Arbeit das entscheidende sei. Da sei kein Platz fĂŒr EifersĂŒchteleien oder falschen Ehrgeiz, zumindest sie beide hĂ€tten diese hinter sich gelassen und so sind sie feste GrĂ¶ĂŸen im Stadl geworden und ĂŒbernehmen die Verantwortung fĂŒr ganze StĂŒcke. Ein ungeheurer Druck lastet auf Regisseuren, man operiert mit Chaos und Zeitknappheit, ĂŒberall menschelt und kriselt es, die Premiere kommt immer zu frĂŒh, Nerven liegen blank … Der Gast auf samtweichem Theaterstuhl erfĂ€hrt davon nichts. FĂŒr 10 Euro Eintritt ist es ein gĂŒnstiges VergnĂŒgen, aber auf der anderen Seite des Vorhangs war es ein hartes StĂŒck Arbeit.

Ich frage natĂŒrlich, was sie sonst noch in der Theaterpause erlebt hĂ€tten. Ruby meint, dass sie gerade in der Anfangszeit von Corona eine Kur angetreten hatte und mit der ungewöhnlichen Situation fernab des Alltags beschĂ€ftigt war. Sonja, dagegen, empfand es als angenehm, aus dem Stress der sonst aufeinanderfolgenden Projekte (sie sie ja neben ihrem Vollzeitjob stemmt) herausgenommen zu sein, schließlich wirkte auch ihr Mann in vielen StĂŒcken mit und ein Großteil ihrer Freizeit verbrachten beide auf ProbebĂŒhnen und bei Leseproben. In der zwangsweise spielfreien Phase nĂŒtzte Sonja die Zeit, das Rauchen aufzuhören und mit Sport anzufangen. Corona hatte also durchaus etwas Positives bei ihr bewirkt. Ruby pflichtet ihr bei, dass auch sie der Epidemie zu verdanken hatte, dass ihre Kur wesentlich verlĂ€ngert wurde.

War die Pause vom Stress anfĂ€nglich willkommen, so wurde es beiden bald zu ruhig. Ruby sinniert, die plötzliche Pause habe sie erst nach der Reha zurĂŒck im Alltag realisiert, es sei wie ein Schock gewesen, wĂ€hrend Sonja die ZĂ€sur im FrĂŒhjahr gar nicht als so schlimm empfunden hĂ€tte. Ihr wĂŒrde das Theater im Winter, in der dunklen Zeit, mehr fehlen.

So habe Sonja auch den Urlaub in heimischen Gefilden als erholsam und schön erlebt, ins Ausland zog es sie angesichts der Gefahren ĂŒberhaupt nicht. Gefehlt habe ihr aber neben den Stadlern vor allem Konzerte und Musikfestivals. Ruby vermisste die vielen Veranstaltungen, auf denen sich mit ihrer Stadl-Jugend aktiv gewesen wĂ€re, gerade das Kinderschminken bereicherte diverse Bayreuther FestivitĂ€ten, die sĂ€mtlich dieses Jahr ausgefallen waren.

Ruby stöhnt ĂŒber die bĂŒrokratischen HĂŒrden und mĂŒhsamen Prozesse hin zu Hygienekonzepten, die z.B. das erwĂ€hnte „Heckentheater“ mit sich brachte. StĂ€ndig mĂŒsse man sich fragen: Was ist erlaubt? Wie kann man es verhindern, dass Mitwirkende oder GĂ€ste einem Risiko ausgesetzt werden? Ruby findet das anstrengend, aber absolut notwendig.

Sonja ist aber guter Hoffnung, dass sich die Infektionslage im kommenden FrĂŒhjahr entspannt haben wird und dann langsam wieder ein eingeschrĂ€nkter Theaterbetrieb aufgenommen werden kann. Aber das steht momentan noch in den Sternen. Wie sich ein Spielplan in 2021 gestalten ließe, ist derzeit völlig offen.

Ich möchte natĂŒrlich noch wissen, ob sich fĂŒr Ruby und Sonja nach Corona etwas verĂ€ndern wird. Ruby meint, dass die spielfreie Zeit sicher zu neuer Dynamik im Kulturstadl fĂŒhren wird. Jeder habe viel Zeit gehabt, ĂŒber seine Rolle im Team nachzudenken und daher erwartet Ruby neue Impulse.

Sonja glaubt, dass sie ihre Mitarbeit im kommenden Jahr neu gewichten wird. Dabei freut sie sich ĂŒber neue Projekte, an die aber besondere Anforderungen gestellt werden. So darf nicht nur im Zuschauerraum, sondern auch auf der BĂŒhne eine gewisse Anzahl Personen nicht ĂŒberschritten werden. Ein StĂŒck mit so vielen Schauspielern wie „der nackte Wahnsinn“, das mitten in der Spielzeit vorzeitig beendet werden musste, wĂ€re undenkbar. Das seien große Herausforderungen, meint Sonja, die optimistisch ist, dass man sich nicht allzu lange mit den EinschrĂ€nkungen herumschlagen  mĂŒsse. 

Vielleicht behĂ€lt Sonja ja Recht und es geht im FrĂŒhjahr 2021 wieder weiter, nach ĂŒber einem Jahr Zwangspause gĂ€be es dann wieder eine „TheaterdĂ€mmerung“.

Ich bedanke mich fĂŒr das nette GesprĂ€ch, das positiv stimmt und – wie man an den Bildern sehen kann – von guter Laune und herzlichem Lachen begleitet war.

Ein vereinsamtes Kleid im Fundus des Brandenburger Kulturstadls.