Knipseritis, fortgeschrittene

Lost Place Magic

Malerisch verschmuddelte oder gänzlich verfallende Stadtwohnungen, Industrieruinen oder Gotteshäuser sind begehrte Locations für fotografische Zusammenkünfte aller Art. Es gibt Leute, die der Faszination solcher Orte erlegen sind und viele Länder bereisen, an denen solche magischen Aufnahmen entstehen, wie man sie zum Beispiel hier sehen kann:

https://www.wandelwelten-photografie.de

Nun ist die Schreiberin dieser Zeilen nahe der Grenze zu Tschechien verortet, in dem man nur ein paar Kilometer jenseits der Grenze eine verlassene Kirche nach der anderen vorfindet. Ganz besonders bekannt und beliebt ist die „Geisterkirche“ in der Nähe von Pilsen:

https://kwerfeldein.de/2014/11/08/lost-places-kirche-der-geister/

Dort hat ein Künstler aus Stoff und Gips Skulpturen geformt, die andächtig auf den Kirchenbänken sitzen oder im Hintergrund stehen. Das schafft eine geheimnisvolle Atmosphäre, die viele Fotografen und Schaulustige anzieht.

Nun, finde ich, sind mehr oder weniger möblierte pittoreske alte Räume ein tolles Setting für eine Inszenierung mit einem Model. Man kann Aufnahmen von verlassenen Orten digital in vorhandene Studioaufnahmen von realen Personen einfügen oder man nimmt gleich jemanden mit in den Lost Place und fotografiert vor Ort. Das ist einfacher als eine Collage, weil dann natürlich Freistellarbeiten und Perspektivprobleme wegfallen.

Allerdings ergibt sich auf einer anderen Ebene eine nicht zu unterschätzende Herausforderung: Es ist schwierig, stimmige Szenen zu produzieren. An verlassenen Orten halten sich normalerweise keine Personen auf. Stellt man nun jemanden dort in einen Raum, wirkt die Szene im besten Falle gekonnt surreal. Wenn ein Bild eine Geschichte erzählen soll, dann muss diese auch nachvollziehbar sein. Was macht die Figur in dem Lost Place? Ist sie zu Besuch, lebt sie da oder geistert sie gar herum?

Wir befinden uns also auf dem Kiesweg zu einer Kirchenruine in Tschechien, mein armer treuer Mini Cooper ächzt durch die Schlaglöcher, meine Beifahrer versuchen mit dem iPad zu navigieren. Endlich angekommen, robben wir mit Kameras, Blitz und Beauty Dish durchs Unterholz, eine Zecke krabbelt ins Model-Outfit nahe einer sensiblen Stelle und die Blogautorin verfängt sich in Stacheldraht, woraus sie sich nur mühsam am Boden liegend wieder befreien kann.

Innen angekommen richten wir zunächst unsere Blicke ängstlich in Richtung Decke, von der jedoch keine Gefahr droht. Ein paar Hustenanfälle ob des Staubes später, steht auch schon die mobile Blitzanlage und blitzt mal dazwischen, der Cinch-Adapter hat einen Wackelkontakt. Das sind für eine Studiofotografin erschwerte Arbeitsbedingungen. Keine Kaffeemaschine, kein Massagesessel für eine Pause. Staub, Geröll und die Frage, wo und wie man Model und Blitz platziert, gehören nun mal zu einem Lost-Place-Shoot dazu.

Den Bildern sieht man die Strapazen nicht an, unter denen sie entstanden sind. Der Zauber wird letztlich auch in Photoshop eingefügt. Hier ein paar Lichtstrahlen, dort eine Vignette. Werde ich mir das wieder antun? Aber auf jeden Fall: Geisterkirche, wir kommen!

 

English

Many people are fascinated by nicely run-down apartments, industrial ruins or abandoned churches. They love to hunt them for all kinds of photographic activities and may travel to many countries looking to take magical photographs of these lost places, as can be seen here:

https://www.wandelwelten-photografie.de

The author of this blog entry resides close to the Czech border, where you run into decayed houses of God so often, you wonder if there are any still in use. Especially the Church of Ghosts is noteworthy, located near Pilsen:

https://kwerfeldein.de/2014/11/08/lost-places-kirche-der-geister/

An Artist formed sculptures with cloth and plaster sitting creepily on church benches or standing in the back. Not surprisingly this mysterious atmosphere attracts large groups of photographers.

Well, I personally think that picturesque old rooms with or without vintage furniture can be a great setting for a model shoot. Of course, you can also put together a studio shoot with a lost place background in a digital compositing, but of course, photographing a person on location will spare you knocking out backgrounds and unfitting perspectives.

But let´s not jubilate too soon, there is another challenge coming up: try setting up something credible. Usually, lost places have no people in them, so your best bet is to go surreal. What kind of credible story can you tell? Who is your model going to impersonate, a visitor or a ghost-like figure?

So we´re on our way on a gravel road to a ruin in the Czech republic, my poor Mini Cooper shaking and my passengers trying to navigate me to what looks like a little jungle with the remains of a church in it. We crawl through the undergrowth, packed with cameras and a mobile strobe, a tick finds its way into the model´s outfit, my sneaker gets caught into barbed wire so hard I can hardly untangle it, fallen to the ground.

When we arrive inside, we look anxiously towards the ceiling, but it seems ok. A few coughing attacks from the old dust later I have set up the mobile strobe with a wobbly cinch adapter and once in a while it actually fires, mostly it doesn´t. Those are pretty difficult working conditions for a studio photographer who is usually close to a coffee machine and a sofa to take a break. Stumbling through the rubble we try to find a good spot and match posing and lighting. That´s all part of the fun in a lost place shoot.

The images don´t show the hardship under which they were taken. I admit, most of the magic is added later in Photoshop. A light beam here, a vignette there. Will I do it again? Of course: ghost church, here we come!

Pictures show Karolina Koblenova, model and painter based in Prague:
https://www.facebook.com/KKoblenova/

Es werde Licht

Der Amateur sorgt sich um die richtige Ausrüstung, der Profi sorgt sich ums Geld und der Meister sorgt sich ums Licht. Ich fotografiere nur. Vernon Trent

Diesen immer wieder gern zitierten Spruch möchte ich meinen Gedanken zu verschiedenen Lichtsituationen voranstellen.

Der Einfachheit halber nehmen wir einfach an, wir seien noch nicht in dem Stadium angekommen, wo wir einfach fotografieren wie Vernon Trent, sondern, dass wir uns noch um Qualität und Setzung von Licht Gedanken machen müssen. Genug Geld und eine adäquate Ausrüstung haben wir hoffentlich an der Hand. Praktischerweise gibt man nicht so viel Geld am Anfang aus, man kann auch mit einer günstigen Systemkamera und einer lichtstarken günstigen 50er Optik tolle Sachen zustandebringen.

Wie man auf dem Beitragsbild erkennen kann, ist das Model innerhalb weniger Minuten auf zwei völlig verschiedene Arten aufgenommen worden, einmal bei natürlichem Fensterlicht und einmal vor weißem Hintergrund mit großer Octabox und Blitz von rechts oben.

Das künstliche Studiolicht ist flächig und so intensiv, dass sich eine Blende von 8+ anbietet und sich eine entsprechend große Tiefenschärfe ergibt. Unser Model wird vor weißem Hintergrund freigestellt wie Meister Propper, mit hoher Körperspannung posierend und aufgedrehtem Mittenkontrast nachbearbeitet, traut man dem Mann die Rettung der westlichen Welt zu – mindestens.

Das andere Bild ist weich – bei Blende 1,4 sind nur die Augen im Fokus – es zeigt die Person entspannt sitzend, die Farben sind warm und der Hintergrund verschwommen. So ein Bild könnte man in den einschlägigen Partnerschaftsportalen hochladen und hätte gleich Hunderte Interessentinnen, nur als Beispiel, der Mann hat das gottseidank nicht nötig.

Der Einsatz des Lichts hat also einen großen Einfluss auf die Bildwirkung und ist eine Frage des Geschmacks. Für viele Menschen ist Studiolicht zu intensiv, sie fühlen sich zu stark ausgeleuchtet. Dann ist eine Fotosession in der untergehenden Sonne eindeutig vorzuziehen. Falls das nicht geht, kann man auch einen dunkleren Studiohintergrund verwenden und das Licht so dosieren, dass man bei offeneren Blenden arbeiten kann. Ein unscharfer Hintergrund in einem Home Shoot ist aber als zusätzlicher Hingucker nicht zu verachten.

Vielen Dank an Markus Krauthäuser, der mir die Veröffentlichung seiner Porträts erlaubt hat.

Pixel sticht Pigment

Picasso hat einmal gesagt: „In jedem Fotografen schlummert ein Maler!“ Dementsprechend nötigte er seine Muse Dora Maar, eine der bedeutendsten Fotografinnen ihrer Zeit, sich ganz der Malerei zu widmen. Letztlich war für ihn das Arbeiten mit Kamera und Film nur eine Vorstufe für wahre Kunst. Wer mehr über seine Philosophie wissen möchte, der lese „Leben mit Picasso“ von Françoise Gilot.

Seit die Kubisten in Frankreich die Malerei revolutionierten, ist viel Wasser die Seine hinabgeflossen. Auch Andy Warhols Pop-Art-Offenbarung fand bereits vor mehr als 50 Jahren statt. Anfang der 2000er Jahre kam die Digitalfotografie als weiterer Meilenstein der bildenden Kunst hinzu. Nie war es einfacher, sich künstlerisch zu betätigen. Saß der arme Künstler früher in seinem kärglichen Altelier und pinselte trotz Kälte und Hunger den ganzen Tag an seinen Werken herum, so kann man heute viel zeitsparender am Computer kreativeln. Vom Original in Öl über Siebdruck/Radierung sind wir zur digitalen Reproduktion gelangt. Die kommt dann vom günstigen Online-Versand fix und fertig auf Keilrahmen aufgezogen. Wie praktisch!

Heutzutage stehen dem Bilderschaffenden auch mächtige Computerprogramme zur Pixelmanipulation zur Verfügung. Wer greift da noch zu Pinsel oder Pigment? Photoshop + Fotografie = digitale Malerei? Selbstverständlich möchte ich nicht apodiktisch das Ende der Malerei ausrufen. Da ich aber ausschließlich digital arbeite, bin ich voreingenommen.

„Es hilft nichts“, dachte ich mir und fuhr ins nächst gelegenen Fachgeschäft für Künstlerbedarf und deckte mich mit Pinseln und Acrylfarben ein. Ich musste mich einfach daran versuchen. Etwas später saß ich dann vor einer meiner bedruckten Leinwände und fing an den Pinsel zu schwingen. Es war schwerer als ich erwartet hatte und das Werk betrachtend stufte ich es auf 9. Klasse Realschulniveau ein (mein Kunstabitur liegt nun doch schon 30 Jahre zurück). Wahrscheinlich hatte ich so ziemlich alles falsch gemacht, was möglich ist, aber zumindest kann ich nun einschätzen, welche Vorteile die digitale gegenüber der pigmentbasierten Arbeitsweise hat:

  1. man kann alle Arbeitschritte durch Ebenentechnik rückgängig machen
  2. man kann einzelne Striche wieder löschen
  3. man kann am Bildschirm mit Grafiktablett arbeiten, ohne mit meiner Hand auf der Leinwand frische Farbe zu verwischen
  4. man kann Farben global ändern, also alles Grüne in Richtung Türkis oder meinetwegen auch Lila verschieben
  5. man kann glatte Strukturen per Filter aufrauen und umgekehrt
  6. man kann Kontraste und Helligkeit/Dunkelheit erhöhen oder abschwächen
  7. man kann eigentlich alles machen und dabei viel einfacher

Es überrascht nicht, dass Malen an der Staffelei viel mehr Geschick erfordert als die computergestützte Variante, im Prinzip muss man nur ein bisschen Zeichnen können, die Pinseleffekte zaubert Photoshop. Motive skizzieren ist mit unterlegtem Foto viel einfacher. Mischtechniken mit fotografischen, malerischen und zeichnerischen Elementen können sehr reizvoll sein. Der große Vorteil dabei ist, dass man ein Original schafft. Ich könnte also von einem Motiv ein paar Kopien auf verschiedene Leinwandgrößen bestellen und dann mit Pinsel und Markern eine persönliche Handschrift aufbringen. Dabei können unterschiedliche Farben und Techniken zur Anwendung kommen. Coole Sache, das Experiment geht weiter …

Das Titelbild zeigt mein Erstlingswerk, ein Acrylbild gemalt neben einem meiner ersten Aktbilder von 2010 mit Ekaterina Tietz, beide zensiert.

Pixel kills Paint

Picasso once said: „In every photographer there is a painter.“ He got Dora Maar, his muse and one of the most important photographers of her time to devote herself to painting entirely. To him working with a camera and film was just the precursor to true art. If you´d like to know more about his philosophy read „Life with Picasso“ by Françoise Gilot.

Since the cubists revolutionised painting in France, and Andy Warhol changed the paradigm with his reproducible Pop Art, digital photography has taken fine art yet another quantum leap forward, it has never been easier to create images than today. In former days a poor, freezing and hungry artist would swing his brush all day in his studio, nowadays you can be a part-time artist using your computer in your spare time. We´ve come a long way from the oil-painted original to easy and cheap digital reproduction. Upload an image and receive a ready-made canvas on a stretcher frame.

In the time of computer images can be pixellated in powerful software. Who would still grab a swine hair brush or pigment paint? Photoshop + Photography = digital Painting? Of course, I don´t want to call for the end of painting as we know it. It´s just that my workflow is exclusively digital and therefore I´m biased towards it.

What the hell me thinks heading towards the nearest art supply store to get a pile of acrylic paints and some brushes. I had to try painting myself. Later I sat in front of one my printed canvasses and started swinging the brush. It was harder than I´d expected and the result looked like a 9th grader´s work (it´s been 30 years since I had majored in art). I guess I´d made every possible mistake, but now I know now what advantages a digital workflow has compared to pigment-based painting.

  1. You can undo all steps by using levels
  2. You can delete single strokes
  3. You can work on a screen with a wacom tablet without smearing paint on the canvas
  4. You can change colors globally, push green to turquoise or even purple
  5. You can roughen up smooth structures and vice versa
  6. You can intensify/weaken contrasts, dark and light tones
  7. You can do everything more easily

It is not surprising that painting takes more skills than computer-aided doodling, where some drawing skills are all it takes, Photoshop will generate the brush strokes for you. Putting a photo on a layer and sketching on top of it makes it even easier. Mixed media with photographic, painted and line art elements are very attractive. You create a real original. I could order one image to be printed on different sizes of giclees and then put my personal signature brush stroke on it. I could vary colors and techniques on one motive. Cool stuff, the experiment continues …

The title picture shows my first acrylic painting from one of my first nude art images showing Ekaterina Tietz in 2010 – both censored.

„In every photographer there was a painter, a true artist, awaiting expression.“ Pablo Picasso