Untergang des Abendlandes

Bilderflut

In der Modelkarteigruppe auf Facebook sowie dem alternativen Pendant ebenda fiel mir erst kürzlich auf, dass einige Threadersteller sich beschwerten, dass manche Bilder von ihnen nicht so viele Klicks bekämen wie sonst gewohnt. In den sich daraus ergebenden Diskussionen wurde gemutmaßt, dass der Untergang der westlichen Welt unmittelbar bevorstünde und nur noch einschlägige Bilder trotz Keuschheits-Sternchen beim Publikum punkten könnten … der eingeweihte Leser weiß schon, was ich damit meine 😉

Das ist schon eine Überlegung wert, dachte ich bei mir selbst. So hat auch Facebook bekanntermaßen die Algorithmen vor ein paar Wochen dahingehend geändert, dass Fanpages wieder an Reichweite verlieren. Schließlich muss ja Umsatz generiert werden. Eine kostenlose Werbeplattform ist so selten wie das berüchtigte free Lunch.

tessa-2787Allein, mein Blick wanderte auf das gepostete Bild des enttäuschten Models. Und es war mittelprächtig, bissi romantisch, ein paar eingebaute Schmetterlinge, Durchschnittsware, die nur Erbtanten in Verzücken versetzt. Die üblichen Verdächtigen, die solche Gruppen frequentieren, sind von solchem Material nicht mehr zu begeistern. Das schaut man keine Sekunde an, wenn man nicht mit der dargestellten von dem Flatterkram eingerahmten Person verwandt oder verschwägert ist, der überlastete Karpaltunnel spart sich den Klick …

Es liegt daran, dass man es schon zu häufig gesehen hat, der Orginalitätsfaktor ist nach 1.000 märchenhaft angehauchten Bildern einfach nicht mehr gegeben, vor allem, weil das Budget des Shoots eben nicht von Disney kommt und die Fotografin Annie Leibovitz heißt, sondern Alina Müller alias Fairy Photography (Namen sind frei erfunden, stimmen aber wahrscheinlich trotzdem) hier ihre Freundin fotografiert hat und danach in einem Bildeditor noch mehr oder weniger gelungen garnierte.

Das Thema: Bilderflut oder gar -überflutung dürfte uns in den kommenden Jahren sicher noch häufiger beschäftigen. Mein Vorschlag: weniger machen, dafür besser. Und über allem steht: Macht es für Euch, nicht für die Klicks.

Model: Tessa Jean Cook the Great 🙂

Bildinhalt auf der Flucht

Ein paar ungeordnete Gedanken zur Street Photography

Es gab eine Zeit, da fotografierte ich Dinge, um zu sehen, wie sie fotografiert aussähen. Kerzenflammen, Orchideen, Bäume und Graffitimauern. Aber wenn ich die Bilder heute betrachte, haben sie eigentlich nur noch einen dokumentarischen Wert. Ich erinnere mich an die zeitweise langweilige Familienfeier, bei der die Tischdeko herhalten musste, weil die Anwesenden mir Schläge androhten, wenn ich nicht sofort aufhören würde, Aufnahmen von ihnen zu machen. Kennt man.

Und doch sind Bilder mit Menschen wesentlich interessanter. Nehmen wir alte Stadtansichten, gerade die Kleidung und die Frisuren der Passanten geben der Straße, die man jetzt in stark veränderter Form kennt, das Gesicht der Zeit. Wie gut, dass kurz nach Aufkommen der Fotografie die Leute geradezu wild darauf waren, sich in Grüppchen aufzustellen, um mit aufs Bild zu kommen, war das doch damals etwas ganz besonderes. Zeitgenössische Streetfotografen können ein Lied davon singen, wie fotoscheu wir im Zeitalter der Handyknipser- und Facebookposterei geworden sind. In Deutschland grenzt das teilweise an Fotoparanoia (<– gibt es das überhaupt als Begriff?)

Also Street-Fotografie scheint die größte Bedeutung nach Ableben aller Beteiligter zu haben, worauf das faszinierende Beispiel von Vivian Maier hinzuweisen scheint. Zeit ihres Lebens hat sie viel Filmmaterial belichtet, von dem der Großteil wegen Geldknappheit niemals entwickelt wurde. Vielleicht war dem fotografierenden Kindermädchen auch die Tätigkeit an sich wichtiger als das Auswerten der Negative … Heute sind die Bilder ein unglaublicher Schatz für die Nachwelt, der sich von den 1950er Jahren bis kurz vor ihrem Lebensende 2009 ansammelte.

http://www.vivianmaier.com

Wer heute mit gezückter Kamera durch die eigene Heimatstadt flaniert oder im Urlaub unbekannte Lebenswelten fotografisch erkundet, muss wissen, dass er sich nicht im rechtsfreien Raum bewegt:

http://anwalt-im-netz.de/urheberrecht/recht-am-eigenen-bild.html

street1

Einer der bekanntesten zeitgenössischen Vertreter der Street Photography ist Thomas Leuthard.

Auf seiner Webseite kann man geniale Galerien und kostenlose E-Books zum Thema finden:

http://thomas.leuthard.photography

In meinem nächsten Auslandsurlaub werde ich wieder rückfällig werden und armen Passanten fotografisch nachstellen. Street Photography ist für einen Fotografen mit Anspruch allerdings problematisch, weil sie anonym ist und dem Zufall unterworfen. Als Reisezeitvertreib reizvoll, aber für die eigene Portfolioarbeit nicht zielführend. Hier bevorzuge ich lieber Projekte mit direktem Personenbezug.

Mein nächstes Vorhaben sind Parcours-Künstler in Bayreuth, wenn sich das Wetter bessert.

To be continued!

Draganismus ist der Kevinismus der Fotografie

Es geschieht tagtäglich in Deutschland, frischgebackene Eltern geben ihrem Sprössling den Namen „Kevin“ (weibliche Form „Chantal“ wie in Chantalismus).

Für sie ist das Neugeborene unvergleichlich und einzigartig und verdient deshalb einen diese Tatsache wiederspiegelnden Namen. Es gibt natürlich noch Varianten zum Thema, „Jayden“ kommt mir in den Sinn oder „Britney“. Allen Namen gemeinsam ist die Wurzel im Englischen und die eingedeutschte Aussprache, gerne auch mit oberfränkischem Zungenschlag, „Tschäidn“ oder „Delli“ (als Abkürzung für die englische Aussprache, „Schantell“), auch französische Versionen des letzteren sind im Gebrauch.

Ich möchte nicht weiter auf dieses Phänomen eingehen, hat es doch ein satirischer Wikipedia-Klon bereits erschöpfend dargestellt:

Link zum Uncyclopedia-Artikel über Kevinismus (Chantalismus)

Nein, ich möchte den allseits beliebten Dragan-Effekt beschreiben, der meines Erachtens als Pendant für diese Namensentgleisungen gelten kann. Man nehme ein völlig unspezifisches Porträt eines bärtigen und vielleicht auch wettergegerbten älteren Mannes (geht auch mit weniger bärtiger Großmutti) und erhöhe den Mittelkontrast so lange bis ein dunkles, dramatisches Bild entsteht, gerne in Schmutzigbraun oder Schwarz-Weiß, mit Betonung auf Schwarz:

Link zum Wikipedia-Artikel über den Dragan-Effekt

In der Bildbearbeitung gibt es ja viele Möglichkeiten, die eigene Ideenlosigkeit oder schlicht auch die Fadheit des fotografierten Bildes mit einem Filter oder einer Aktion auf interessant zu trimmen. Da gibt es Teilentsättigungen (oder auch Color Key, d.h. alles im Bild ist schwarzweiß, nur die roten Rosen des Hochzeitsstraußes bleiben farbig), die ebenfalls keinen alten Hund mehr vor dem Ofen hervorlocken. Wir erinnern uns, wir leben in einer Zeit, da Milliarden von Bildern täglich in den Social Media hochgeladen werden, unsere Aufmerksamkeit zu erheischen.

Auch hier glaubt der Fotograf, der das Bild erzeugt hat, dass es unvergleichlich ist, und deshalb eine besondere Bearbeitung verdient. (Ich möchte jetzt nicht erwähnen, dass hochbegabte Kinder eher „Benjamin“ oder „Johanna“ heißen.) Also ein cooler Filtereffekt macht noch kein gutes Bild. Ein interessantes Foto mit einer verblüffenden oder faszinierenden Bildaussage braucht auch keine Draganisierung. Es ist ferner anzunehmen, dass die Menschen, deren Porträt so auf Mittenkontrast gequält wurden, diese nie zu sehen bekommen. Wer will schon aussehen wie ein Hundertjähriger im zarten Alter von 76?

Eine im Gegensatz dazu beliebte Spielart ist die märchenhafte Weichzeichnung von erstaunlich normalen Mädchenporträts ins Feenhafte und Ätherische. Wer solche digitale Filterorgien anwendet, kann sich sicher sein, dass sich eine Schlange vor dem heimischen Fotostudio bildet. Blumen-Headsets, rüschige Kleider und wallende Umhänge sind wichtige Zutaten des Erfolgsrezepts (die Zielgruppe ist allerdings nicht sehr kaufkräftig).

Nach all der Polemik kann ich nur sagen: „There is no free lunch“. Auch nicht im digitalen Bilderschaffen. Eine kostenlos aus dem Internet geladene Dragan-Photoshop-Aktion macht Dich nicht automatisch zum begnadeten Bildbearbeiter. Ich möchte noch hinzufügen: „Weniger ist mehr“ – ein Slogan, der immer geht. Macht einfach weniger, dafür bessere Aufnahmen. Mist, auch beim Blogschreiben gilt das Prinzip, dass das Ergooglen von mehr oder weniger passenden Zitaten kein Konzept ersetzen kann.

Aber, abschließend gesagt – ich kann nicht anders, es ist stärker als ich: „Erlaubt ist, was gefällt“.