Pixelschubsing

Von Musen und Menschen

Eine wachsende Zahl von Amateuren sieht sich nach der ersten Begeisterung der technischen Möglichkeiten im Fotostudio mit inhaltlichen Fragen ihres Tuns konfrontiert. Zunächst einmal ist man fasziniert ob der Möglichkeiten, die man mit Blitzen nebst Lichtformern hat. Es ist schon etwas ganz besonderes, wenn man nicht auf die Qualität des available lights angewiesen ist und die Plastizität des menschlichen Körpers herausarbeiten kann, wie es z.B. bei Outdoorshoots niemals möglich wäre.

In der bildenden Kunst, Malerei und Skulptur, ist das meist dargestellte Sujet zweifelsohne der menschliche, insbesondere: der weibliche Körper. So lerne ich häufig Gleichgesinnte auf Foto-Workshops kennen, die versuchen, einen eigenen Ausdruck in ihrer Bildsprache zu finden. Das ist aber gar nicht so leicht. Einfacher wäre es, z.B. an Schaufensterpuppen zu üben, aber der Vergleich drängt sich geradezu auf: das wäre dann Barbiepuppenspielen nur in groß. Wir haben aber schon eine höhere Stufe auf der Leiter der People-Fotografie erklommen und brauchen ein Model aus Fleisch und Blut, in mehr als 90% der Fälle übrigens eine Frau. Ausnahmsweise eine Benachteiligung der Männer!

Wirklich tolle Synergien ergeben sich bei Pärchen, in denen der eine Part fotografiert, der andere modelt, hier ist Vertrautheit neben einer längerfristigen Auseinandersetzung mit einem Thema eine ideale Basis für beide, sich weiterzuentwickeln. Ich kenne nur wenige Beispiele. Musen – auch männliche – scheinen ein seltenes Gut zu sein.

Bekannte von mir fotografieren daher gerne wechselnde TfP-Teilnehmerinnen, ein Model auf Facebook macht nur noch Selfies, die aber hochgelobt werden (auch Stefan Dokoupil hat in seinen freien Projekten sehr faszinierende inszenierte Selbstbildnisse veröffentlicht), Gottfried Helnwein stellt eigentlich nur noch Kinder dar. Aber die Suche nach einem Hauptmodel ist ein wiederkehrendes Thema in meinen Gesprächen mit den Kollegen.

Seien wir ehrlich: Das Rezept für ein gutes Bild ist ein wohlgeformter, extrem gut aussehender Mensch mit interessantem Posing und Outfit. Tatooliebhaber halten nach solchem Körperschmuck Ausschau, Lifestyle-Fotografen wünschen LiLaLaune-Mädels mit Franzenschnitt, manch einer bevorzugt Tänzer oder bärtige Hipsters. Jeder kennt seine Vorlieben. Denn was einem gefällt, dem widmet man gerne viel Zeit. Wir erinnern uns: Fotografie ist aufwändig, von Model-/Location-/Themensuche bis zur bearbeiteten Serie können einem drei graue Haare wachsen oder mehr. Ein Blick in den Spiegel bestätigt mir, dass sich das läppert.

Ginge es nur darum, hübsche, schlanke Mädels in coolen Klamotten abzulichten, wäre der Blogeintrag hier zu Ende. Die gibt es zuhauf und sind gerne zu TfP-Shoots bereit. Aber da sind wir wieder beim Barbiepuppenspielen auf Höchstniveau, mal ein blaues Kleidchen, dann ein pinkes Oberteilchen – austauschbar – die Fotogruppen im Internet sind voll davon.

Was ist denn nun eine fotografische Muse? Der/die Seelenverwandte vor der Kamera, der das widerspiegeln kann, was der Mensch mit dem Zeigefinger auf dem Auslöseknopf darstellen möchte. Klingt nach Schauspielern und wahrscheinlich ist es das auch, alles andere wäre Dokumentation …

Information zum Beitragsbild: Eine Zusammenarbeit mit dem alternativen Model und Posing-Genie Triz Täss.
Triz Täss auf Facebook

Bilderflut

In der Modelkarteigruppe auf Facebook sowie dem alternativen Pendant ebenda fiel mir erst kürzlich auf, dass einige Threadersteller sich beschwerten, dass manche Bilder von ihnen nicht so viele Klicks bekämen wie sonst gewohnt. In den sich daraus ergebenden Diskussionen wurde gemutmaßt, dass der Untergang der westlichen Welt unmittelbar bevorstünde und nur noch einschlägige Bilder trotz Keuschheits-Sternchen beim Publikum punkten könnten … der eingeweihte Leser weiß schon, was ich damit meine 😉

Das ist schon eine Überlegung wert, dachte ich bei mir selbst. So hat auch Facebook bekanntermaßen die Algorithmen vor ein paar Wochen dahingehend geändert, dass Fanpages wieder an Reichweite verlieren. Schließlich muss ja Umsatz generiert werden. Eine kostenlose Werbeplattform ist so selten wie das berüchtigte free Lunch.

tessa-2787Allein, mein Blick wanderte auf das gepostete Bild des enttäuschten Models. Und es war mittelprächtig, bissi romantisch, ein paar eingebaute Schmetterlinge, Durchschnittsware, die nur Erbtanten in Verzücken versetzt. Die üblichen Verdächtigen, die solche Gruppen frequentieren, sind von solchem Material nicht mehr zu begeistern. Das schaut man keine Sekunde an, wenn man nicht mit der dargestellten von dem Flatterkram eingerahmten Person verwandt oder verschwägert ist, der überlastete Karpaltunnel spart sich den Klick …

Es liegt daran, dass man es schon zu häufig gesehen hat, der Orginalitätsfaktor ist nach 1.000 märchenhaft angehauchten Bildern einfach nicht mehr gegeben, vor allem, weil das Budget des Shoots eben nicht von Disney kommt und die Fotografin Annie Leibovitz heißt, sondern Alina Müller alias Fairy Photography (Namen sind frei erfunden, stimmen aber wahrscheinlich trotzdem) hier ihre Freundin fotografiert hat und danach in einem Bildeditor noch mehr oder weniger gelungen garnierte.

Das Thema: Bilderflut oder gar -überflutung dürfte uns in den kommenden Jahren sicher noch häufiger beschäftigen. Mein Vorschlag: weniger machen, dafür besser. Und über allem steht: Macht es für Euch, nicht für die Klicks.

Model: Tessa Jean Cook the Great 🙂

Schwarz-weiß geht immer ;)

Böse Zungen raten: „Wenn ein Bild nichts geworden ist, mache es schwarz-weiß“. Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Auch meine Überschrift ist ironisch gemeint. Ein schlechtes Bild kann auch nicht gerettet werden, wenn es in monochrom umwandelt wird. Dann wiederum gibt es Motive, die gerade durch ihre Farbigkeit wirken, z.B. ein Blumenstrauß. Aber ein Körnchen Wahrheit ist auch hier zu finden, viele Motive werden interessanter, wenn sie entsättigt werden.

Was früher zu Zeiten von Negativ- und Diapositivfilm eine Einschränkung war, weil Farbfilm entweder noch nicht vorhanden oder teuer war, ist heute oft ein Stilmittel, die Reduktion auf Graustufen nimmt den Farben die Vorherrschaft im Bild und arbeitet Strukturen und Formen heraus. Oftmals wirken die Motive dadurch ausdrucksvoller oder gar dramatisch (starker Kontrast spielt eine wichtige Rolle dabei).

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In meinem Urlaub Anfang März 2016 habe ich mit meiner Kompaktkamera aus der Hüfte heraus Bilder von orthodoxen Juden im Jerusalemer Bezirk Me´a She´arim fotografiert. Ich hatte das natürlich vor dem Urlaub schon recherchiert. Es gibt große Schilder, die am Eingang des Viertels hängen und warnen, sich in kurzen Hosen und Tops zu nähern. Also trug ich lange Hosen und lange Ärmel und eine Baseball Cap, um mich zu tarnen. Man ist also dort als Tourist nicht erwünscht und wird teilweise argwöhnisch beäugt. Deshalb wanderte ich wie gedankenverloren herum und nahm meine Kamera praktisch nie ans Auge. Ich hatte keine Ahnung, ob irgend ein Bild richtig fokussiert sein würde. Aber wie man sieht, waren dann doch gelungene Aufnahmen dabei.

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Als ich eines der Fotos farbig in Facebook postete, schrieb jemand, dass es schwarz-weiß besser sei, da authentischer. Wahrscheinlich kommt diese Sichtweise daher, dass man diese Motive so gewohnt ist und deshalb so erwartet. Original ist die Welt natürlich in Farbe, Graustufen sind schon wieder eine Stufe hin zur Abstraktion. Gerade die bunten Plakate, Schaufenster und Autos lenken ab von den überwiegend dunkel bekleideten Männern und Frauen.

Die meisten meiner Bilder sind sonst eigentlich farbig, manche werden zunächst in schwarz-weiß umgewandelt, aber dann nachgetont, aber es gibt Situationen, in denen ich erleichtert bin, wenn ich die Farben verwerfen kann, z.B., wenn Hauttöne schwierig zu korrigieren sind. Das kommt meist bei ungünstigen Lichtsituationen zustande, wenn es zu düster war oder grünliche Leuchtröhren die Szenerie verfärbten.

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Die Faszination von Street Photography in schwarz-weiß ist bei mir jedoch ungebrochen, auch wenn ich nur im Urlaub dazu komme. Einer meiner Lieblingsfotografen, der ein Meister dieses Sujets ist, hat hier seinen Blog, Olivier Duong:

http://www.theinspiredeye.net/street-photography-blog/