Werkstattzauber

Trickle Down

Ich gebe zu, dass die Trickle-Down-Theorie aus der Ökonomie ein hinkender Vergleich ist für das Phänomen, das ich im folgenden umreißen möchte. Die Idee, dass Reichtum von höheren Schichten in die ärmeren heruntertröpfelt, ist mittlerweile praktisch verworfen. Der unmittelbare Zugang zu Wissen, Know-how und Marketingideen durch Internet und Computerisierung birgt mehr Chancen für „the rest of us“ als darauf zu warten, dass der Chef einem eine Gehaltserhöhung gewährt, wenn seine Steuerlast gesenkt wurde. Ich vereinfache natürlich, bin ja keine Volkswirtschaftlerin.

Das derzeitige Überangebot an Tutorials und Workshops lässt vermuten, dass viele Profifotografen oder -bildbearbeiter einen großen Teil ihres Umsatzes aus solchen Nebengeschäften generieren. Eine Natalia Taffarel oder ein DomQuichotte erklären willig ihre Workflows im Beauty-Segment, um nur zwei Namen zu nennen, deren Videoanleitungen irgendwo auf meinen Festplatten schlummern. Sie reihen sich damit in die Menge der Kreativen ein, die offensichtlich nicht allein davon leben können, ihre Dienstleistung zu verkaufen, sondern den Amateur zu edutainen, Menschen, die gerne einen Fuffi zahlen, um virtuell Mäuschen im Atelier der Photoshopstars spielen zu dürfen (und eine Handvoll Scheinchen, wenn man leibhaftig vor Ort zuschauen und mitmachen möchte). Fast lässt es einen an die Magierzunft denken, in der es verpönt ist, Zaubertricks auszuposaunen. Allerdings wird in den seltensten Fällen ein Showmagier von einem Hobbyzauberer deklassiert, aber der Nimbus wird abgeschwächt.

Eigentlich paradiesisch solche Zustände, fast jedes tolle Bild lässt sich reverse engineeren. In diesem Zusammenhang könnte man tatsächlich von einem Trickle-Down sprechen. Zumindest glaube ich das in den endlosen Facebook-Streams der Fotografengruppen zu sehen. Dort sind vor allem Amateurbilder vertreten, die zumeist ein erstaunliches Niveau aufweisen (natürlich mischen sich weniger gelungene mit darunter). Vor nicht allzu langer Zeit waren die Ergebnisse der Schnppschussknipser meist entweder verwackelt oder unterbelichtet oder beides. Wer nach einem Jahr die 36-Bilder-Filmrolle zum Entwickeln brachte, auf der sich Urlaub, Geburtstag und Weihnachtsfest befanden, war meistens froh, wenn zwei oder drei Aufnahmen fotoalbumwürdig waren. Andersherum waren professionelle Bilder vor noch nicht allzu langer Zeit meist Porträts mit Schirmchen von rechts vor kackbraunem Batikhintergrund Standard, die nach 2-3 Schüssen im Kasten sein mussten.

Enter Digitalkameras mit diesen unheimlich praktischen Displays, die einem sofortige Rückmeldung über den Zustand der Unterbelichtung oder Verwacklung geben, so dass man die Einstellungen sofort justieren kann. Wunderbar! Der Verschluss kann maschinengewehrartig auslösen, ohne dass es exorbitant teuer wird wie einst zu Mittelformat-Filmzeiten. Nächste Zutat ist natürlich ein Photoshopzauberfilter. Yay! Schon hat man ein Bild, das i.d.R. besser ist als Tausende Dias aus den 1980ern in der Schublade. Natürlich sind Verallgemeinerungen immer kritisch, aber ich denke, die Tendenz meiner Aussage stimmt. Technisch gesehen, ist der fotografische Schrott heutzutage einfach besser, genauso wie anspruchsvolle Amateurbilder durch die Digitalfotografie gewonnen haben. (Hinweis: Künstler konnten auch früher, wenn es sein musste, mit Lomos produzieren. Fun Fact: Ich habe auch eine).

Viel Üben ist zwar nicht immer ein Garant für Erfolg, aber bei der Fotografie verhält es sich ähnlich wie beim Erlernen eines Instruments: man muss sich täglich damit beschäftigen, je intensiver und zielgerichteter desto besser. Dazu braucht es einen langen Atem und natürlich auch ein Minimum an Investitionen. Neben Kamera, Objektiven und einem Ort, an dem man sein Licht formt, schlagen Computer und Bildbearbeitungssoftware zu Buche. Genannte Tutorials und Workshops kommen optional dazu.

Ich selber bin in allen Punkten schuldig. Ich verbringe viel Zeit mit der Anbahnung von Fotoprojekten, oft fallen Spritkosten und Modelhonorare an, danach frisst die Bastelarbeit in Photoshop noch Zeit. Das Know-how und die Inspirationen, die ich auf mich niederrieseln ließ, haben meine Lernkurven stark verkürzt und mein Niveau angehoben. Und das Lernen hört nie auf.

Natalia Taffarel: https://digitalphotoshopretouching.com/retouching-gallery/natalia-taffarel-retouching-gallery
DomQuichotte: http://domquichotte.com/

Beitragsbild: Mit Erlaubnis der Dargestellten aus einem privaten Paarshoot.

Anonyme Workshopholiker

Deutschland, Anfang Januar 2017. Ein Mini Cooper in Schmutzmetallic pflügt sich durch den Schneematsch auf der Autobahn südlich gen Unterhaching. Das Verkehrsleitsystem empfiehlt eine Spitzengeschwindigkeit von 80 km/h, rechts auf der Standspur liegt ein verunfalltes Auto auf dem Dach, doch der Blick der Desperado-Fotografin am Steuer ist starr durch die Windschutzscheibe auf das Schneetreiben vor ihren Augen gerichtet. „Werde ich rechtzeitig ankommen?“ ist ihr einziger Gedanke, denn ihr Ziel ist der Mittelpunkt des Workshop-Paralleluniversums von Stefan Gesell (fotosym.de).

Unbedarften Lesern sei es erlaubt zu glauben, dass es bessere Orte gäbe, an denen man sich an einem Sonntag um 6.30 Uhr aufhalten könne als im Schneesturm, man denke spontan an ein Wasserbett oder den auf 40° geheizten Whirlpool unweit davon. Aber ein rechter Workshopholiker lächelt verächtlich jegliche Bedenken hinweg.

Kaum etwas über 3 Stunden später dann Check-in im Vorraum der Therapiegruppe, es wird Kaffee mit einem 600-Kalorien-Hörnchen gereicht, ein 1-kg-Nutella-Glas ist immer in Reichweite. Die ersten Rauchschwaden umhüllen zärtlich die nach und nach eintrudelnden Behandlungsbedürftigen.

Stefan Gesell, eine Art moderner Sigmund Freud der Surreal Art, durch viele Workshopabsagen ergraut, mit Psychologenbart, stimmt die wackere Runde väterlich auf das Programm des Workshops ein: 5 Aktmodelle, 5 Schachteln Marlboro (aktiv oder passiv geraucht – egal), 5.000 Kalorien aus vorwiegend Zucker und Fett. Wir lauschen ehrfürchtig dem Motto des Tages: „Du brauchst kein schönes Netz, um Fische zu fangen“.

Schehera-KC.

Ein Blick auf die kleine Herde ausnehmend bildhübscher Models offenbart, dass mit dem hässlichen Fischfanggerät wir Fotografen gemeint sind. Aber das macht uns nichts aus, freudig erregt schwärmen wir hinein in den Gruppenraum, darin eine Recamière und diverse Therapiegeräte auf uns warten. Während wir uns als anonyme Workshopholiker austauschen und fotografieren, bereitet die Gastgeberin draußen leckere Frühlingsrollen und Hühnernudeln à la Pad Thai vor. Nach dem Mittagessen ist der rote Diwan belegt mit glücklich Verdauenden, der Kaffee- und Colaverbrauch steigt exponentiell an.

Rassamee Gesell vor Zubereitung des Mittagsessens.

Wer gedacht hat, dass er nur seelisch gestreichelt wird, hat sich getäuscht, der gestrenge Workshopleiter fordert von den Teinehmern sich einzubringen, Menschen, die mit einem Aktmodell fast schon überfordert sind, sollen nun eine Installation aus derer drei machen. Tapfer machen wir uns ans Werk (siehe Beitragsbild). Ich bin daraufhin etwas zittrig, wahrscheinlich unterzuckert, und esse Zitronenkuchen. Erst nach einer zusätzlichen Himbeersahneschnitte fühle ich mich wieder etwas gestärkt.

Der Aktworkshop steuert auf seinen Höhepunkt zu, Surreal Art à la Gesell mit Model KC, die Posings vollbringt, wie man sie eigentlich noch nirgends gesehen hat, wahrscheinlich weil sie in Wirklichkeit gar nicht machbar wären. Kollegin Rassamee sucht noch ein paar schmerzhaft aussehende yogaähnliche Positionen aus den Tiefen ihrer Smartphone-Galerien heraus – fast meinte ich einen kleinen Hauch von Sadismus über ihr Gesicht huschen zu sehen, doch ich täuschte mich sicherlich. Während sich die Verrenkungskünstlerin am Morgen danach vermutlich mit Muskelkater konfrontiert sah, vermeldetete die Waage der Schreiberin dieser Zeilen ein sattes Plus auf der Habenseite.

Yoga-Grunge.

Wenn ich schnöde gegenrechnen wollte, was ich für 199 Euro Workshop bekommen habe, sähe die Aufstellung so aus:

Frühstück – 15 Euro

Mittagessen – 30 Euro

Desserts – 8 Euro

5 Models – 700 Euro

Yogastellungen von KC lernen – 150 Euro

Lebensweisheiten Stefan Gesell – 97 Euro

Nette Kollegen kennenlernen – unbezahlbar!

Macht immerhin summa summarum: 1.000 Euro! Das gibt es sonst nirgends. Umgelegt auf den Nährwertgehalt der gereichten Speisen, ergibt sich damit das weltbeste Preis-Kalorienverhältnis, wenn man das Nutellaglas mit in die Berechnungen einbezieht.

Also macht Euch auf nach Unterhaching in die Katakomben des coolsten zeitgenössischen Künstlers der Digital Art und lasst Euch verzaubern.

Grauen im Grünen

Vorsicht: reißerischer Titel, der eigentlich nichts mit dem Thema zu tun hat 😉

Die mäßig erfolgreiche Studiofotografin begab sich kürzlich im Rahmen eines Gesell-Workshops www.fotosym.de zum Thema „Zauberwald“ in die weiten Fluren der Isar-Auen, um sich fortzubilden. Hinaus aus der Comfort Zone, hinein in das Wetter-Überraschungsei mit Beleuchtung, die ein Eigenleben führt, offiziell auch „Sonne“ genannt. Auf dem Weg zur Location regnete es dauerhaft, bei Ankunft war es einigermaßen trocken und praktischerweise überhangen. Eigentlich ideal für ein Outdoorshoot.

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Stefan Gesells Devise: Nicht kleckern, sondern klotzen. Hier wird die unbegabte Workshop-Teilnehmerin praktisch von der Modelmenge überrannt.

In zwei Trupps à 5 Mann (ich die einzige Trägerin von Doppel-X-Chromosomen) waren wir schnell eingeteilt, ich rätsle immer noch, ob ich es war, deren Körpergeruch den Ausschlag gab, uns Gruppe „Iltis“ zu nennen. Wir krabbelten durchs feuchte Unterholz zu einem großen umfgefallenen Baum, vermoost und verträumt. Ich biss mir in die geballte Faust, während das Model das glitschige, tote Holz erklomm und sich dort amazonenhaft in Position brachte. Gottseidank unverletzt. Seit diesem Tag ist mir klar: Ein Überlebenstraining würde ich keine 2 Stunden durchstehen.

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Du kummst hier nicht rein!

Die Sonne dachte, sie mache uns eine Freude, als sie endlich eine Lücke zwischen den Wolken fand, aber gerade auf Feld und Flur wünscht man keine großen und harten Kontraste, wenn man letztlich Personen fotografiert. Unschöne messerscharfe Schatten unter Nasen und Augen kann man vermeiden, indem man einen Blitz mit Porty einsetzt, aber weiches Available Light ist hier ideal, weil gleichmäßiger und natürlicher. Im Wald ist es auch meist schattig:

Also Blende aufgerissen. Mein zuverlässiges Arbeitsmonster ist ein Sigma 50 1.4, das sogar ganz offen superscharf ist und der AF auf dem Auge sitzt. Verliebt streichelte ich das Hochleistungsobjektiv, aber – o Ach, o Graus! – auf größere Distanzen als ich es sonst einsetze, verschiebt sich der Autofokus dann doch ins Nirvana vor oder hinter dem anvisierten Schärfepunkt (so genau wollte ich es nicht wissen). Praktischerweise habe ich ja ein Sigma-Dock, um die Firmware zu überschreiben und verschiedene AF-Korrekturen je nach Distanz einzupflegen. Hätte ich das mal vor dem Shoot getestet und getan.

In Zeiten von LCD-Displays fällt einem solches Unbill jedoch sehr schnell auf und ich konnte reagieren, in dem ich die Blende dann eben wieder leicht schloss. Größtes Problem ist bei so einem Shoot im Wald nicht technischer Art, sondern eigentlich die Tatsache, dass man eine künstlich-gestellte Situation hat. Gelöst hat das die Art-Direktion, indem sie kurzerhand das Thema „Warriors in the Woods“ ausrief. Amazonen sind dort in ihrem natürlichen Habitat und noch dazu komplett mit Pelz und Patronentasche zu finden. Authenizität – Check!

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Lulu, die Unermüdliche …

Klimatische Abwechslung hatten vor allem die Models zu beklagen, die in 15°C kaltem Wasser gleich neben den Getränkenflaschen Angriffsszenen stellten. Schwerter, Tomahawk, Spieße, alles dabei. Auf dem Weg vom Parkplatz zur Location mussten wir dem Auszug aus Ägypten geähnelt haben. Danach ein wassergekühltes Radler. Das leckere Mittagsessen von Madame Gesell und wie immer nette Gespräche unter gleichgesinnten Verrückten ließen mich neue Kräfte und Hoffnung schöpfen. Immerhin war mein Attention Span nach über 2 Stunden Raserei auf der Autobahn und 3 Stunden Fotografieren ohne hinzufallen merklich verkürzt.

Dann noch ein bisschen urbane Szenen mit den Amazonen vor Graffiti-Wänden fotografiert und schon war ich von den Strapazen des Outdoorshoots erlöst und kaum zweieinhalb Stunden Tiefflug mit Hindernissen auf der A9 später setzte ich mich frisch ans Bildbearbeitungswerk.

Wenn sich jemand fragt, wann das Grauen endlich beginnt, jetzt ist es soweit! Die fortgeschrittene Bildbearbeiterin stellt fest, dass Natur gar nicht so einfach aufzupeppen ist. Grün ist eigentlich ziemlich langweilig. Puh, was tun? Der Indian Summer Filter der NIK-Filter-Sammlung ist in der folgenden Zeit praktisch heißgelaufen. Also erst mal das Grün in Richtung Rotbraun trimmen.

Und dann? Großes Rätseln und Probieren mit nicht ganz überzeugenden Ergebnissen. Aber das für mich gesteckte Lernziel dieses Workshops habe ich erreicht, nämlich herauszufinden, ob Outdoor nicht doch etwas für mich wäre. Während ich diese Zeilen Mitte Juli 2016 schreibe, fällt mein Blick aus dem Fenster auf Regen bei 15 °C. Was war noch mal die Frage?

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Schön und gefährlich – und überzeugend. Rassamee.