Untergang des Abendlandes

Shades of Selbstüberschätzung

Neulich las ich auf der Modelseite von Miss Gaudismus auf Facebook (https://www.facebook.com/missgaudismus/) folgendes Statement:

BLINDHEIT oder BLÖDHEIT

Ich möchte mich schon im Vorfeld für meine harten Worte entschuldigen, aber ich bin es wirklich leid!

Grundsätzlich shoote ich gerne auf TfP, da ich das Modeln selbst just for fun mache. Die dabei entstehenden Bilder sollten für mich und für den Fotografen von positivem Nutzen sein und beide Sedcards qualitativ erweitern.
In den letzten paar Monaten bekomme ich immer mehr TfP-Anfragen von Menschen, welche sich Fotografen nennen, weil sie sich eine Kamera gekauft haben, und dabei völlig talentfrei in jeglicher Hinsicht sind.
In diesem Fall meine ich explizit die Fotografen, deren besten Arbeiten nicht einmal annähernd an die „Qualität“ meiner Urlaubsschnappschüsse ran kommen, die spontan mit dem Handy aufgenommen wurden.
Witzigerweise reagieren diese Fotografen dann meist auch noch recht säuerlich, wenn ich antworte, dass wir gerne zusammen arbeiten können, aber nicht auf TFP, und erklären mir dann ganz stolz, dass sie nie für ihre Models bezahlen.
Ich könnte das Ganze jetzt noch weiter ausführen, aber ich denke, ihr wisst, worauf ich hinaus möchte

Ein paar ungeordnete Gedanken zum Thema Selbsteinschätzung

Miss Gaudismus spricht hier leichtfertig ein brisantes Thema an, und findet deutliche Worte. Groteske Selbstüberschätzung ist allerdings ein Phänomen, welches nicht nur auf Fotografenseite weit verbreitet ist. Unterirdische Models bieten ihre zweifelhaften Dienstleistungen ebenso gerne an, sogar gegen Geld, was ähnliche Facebookbeiträge nach sich zieht. Die weinerlichen Beschwerdeposts in den FB-Gruppen sind fast täglich in allen Facetten zu lesen, da geht es meistens darum, wer wen im Studio ohne Absage hat sitzen lassen oder wer keine bearbeiteten Bilder liefert etc. Langweilig … Ob Fotografen allerdings mit Blind- oder Blödheit geschlagen sind – das ist mal eine originelle Frage! Leider werden wir sie jedoch nie erschöpfend beantworten können, da wir dazu weitere Informationen der Betroffenen bräuchten, die aber offensichtlich uneinsichtig sind.

Ist Selbstüberschätzung denn etwas Schlimmes?

Ich sehe täglich Bilder in den Social Media, die für mein Empfinden grottig sind, aber voller Stolz von ihren Urhebern präsentiert werden. Aus pädagogischer Sicht möchte ich sagen: Fotografieren ist eine wunderbare Freizeitbeschäftigung, besser als Drogen nehmen oder Tiere quälen. Und es finden sich eigentlich immer Paarungen für solche Vorhaben, die für den Massengeschmack suboptimal erscheinen, die jeweiligen Beteiligten jedoch begeistern.

Wenn man eine Kamera in der Hand hält, hat man im Prinzip das gleiche Werkzeug wie ein Karl Lagerfeld (auch wenn der Mittelformat benutzt, das Prinzip ist aber das gleiche), jetzt braucht man nur noch ein Supermodel, dann könnte man ja auch Weltklasse-Ergebnisse erzielen. Wenn ich in FB unter meinem Namen ein unbekanntes Bild von Lagerfeld posten würde, würde das mit ziemlicher Sicherheit auch zerrissen werden. Nicht jedem Bild sieht man an, warum es so gut sein soll.

Irgendwo zwischen Handyknipsen (hat der Guido Karp schon gemacht, ein Buch mit Aktbildern sogar) und Vogue-Editorial bewegt sich das Können eines Fotografen. Die Kunst ist es, einschätzen zu können, in welche Sphären man vordringen kann und was dazu nötig ist. Also darf man ruhig etwas Chuzpe an den Tag legen, wenn es dazu dient, die Messlatte höher zu legen und sich weiterzuentwickeln.

Vorauseilende Selbstkritik

Problematisch wird es, wenn man für ein tolles Model schwärmt, deren Arbeiten schon weit fortgeschritten sind. Um im Bereich People bessere Bilder machen zu können, braucht es ein Hottie vor der Kamera. So erging es vor Jahren einem selbstkritischen Fotografenfreund von mir in seiner Anfangsphase. Er wollte zu gerne, traute sich aber nie, das Objekt des fotografischen Begehrs zu kontaktieren, da er sein Können als zu schlecht empfand. Ein paar Jahre später nach vielem Üben und mit mittlerweile sehr guten Bildergebnissen, fasste er sich ein Herz, die fleischgewordene Fata Morgana anzusprechen, sich mit ihr auf ein Shoot zu treffen – um sie schlussendlich zu entzaubern. Er war danach geradezu enttäuscht. Talk about übersteigerte Erwartungen!

Unterschiedliche Zielsetzungen

Auch mir ist es schon passiert, dass ich mich auf eine vielversprechende TfP-Ausschreibung bewarb und dann postwendend die stündliche Rate mitgeteilt bekam – ohne Angaben von Gründen – ich musste annehmen, dass mein Können für eine kostenlose Zusammenarbeit nicht gut genug war (ich hoffe, ich leide unter einer harmloseren Variante von Selbstüberschätzung) oder dass ich schlicht nur eine oberfränkische Wald-und-Wiesen-Fotografin bin. Ist das nicht eine denkbar schlechte Grundlage für den Start in eine fotografische Beziehung? „Du kummst hier net rein, (es sei denn, Du lässt ein paar Scheinchen rüberwachsen)“. Aber hinweg mit verletzten Eitelkeiten, bleiben wir realistisch. So ist Miss Gaudismus nach ihrer Aussage ja auch bereit, sich von schlechten Fotografen ablichten zu lassen, wenn Moneten fließen. Wir sind alle mehr oder weniger jung und brauchen das Geld, nicht wahr?

Ich will jetzt einfach annehmen, dass eine Absage auf ein TfP-Shoot nicht gleichzeitig eine Wertung beinhalten muss. Habe ich doch selber schon oft genug Models abgelehnt, weil sie einfach nicht der passende Typ für ein Thema waren. Andersherum neigen manche Models tatsächlich dazu, sich auf einen gewissen Stil zu konzentrieren, weshalb eine andere Bildsprache gar nicht erwünscht ist im Sinne einer Portfolioerweiterung, die sonst immer als Nonplusultra angeführt wird. Gerade bei Profis sind Sedcards eher aus einem Guss und kein Flickerlteppich.

Locker bleiben …

Es gibt in der Interaktion zwischen Fotografen und Models immer wieder viel Material zur Aufarbeitung, getreu dem Motto: Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Meistens ist man jedoch eher beleidigt. Leichter wäre unser Leben jedoch, wenn wir den Mut hätten, einfach ehrlich zu kommunizieren. Wenn ein Model oder ein Fotograf für ein gemeinsames Shoot nicht interessant ist, dann kann man doch ein paar freundliche Worte schreiben, welche Art von Bildern das Portfolio bereichern würden, und warum das hier nicht gegeben ist.

Man könnte sich aber auch blind und blöd stellen, das macht es auch einfacher 😉

 

Das Beitragsbild zeigt die Schweizer Buchautorin Anja Leitz und ihren Mann Christian, ein Bild, welches nicht mit dem Handy und nicht im Urlaub aufgenommen wurde.

Weiblich, Model, sucht Fotograf/in

Der sicher schönste Nebeneffekt beim Hobby Fotografie sind die vielfältigen Kontakte und vielleicht sogar auch Freundschaften, die sich zwangsweise aus der Tatsache ergeben, dass auch zu der zweitschönsten aller Nebensachen immer zwei gehören. Einer möchte vor, der andere hinter der Kamera aktiv werden. Klingt harmlos, ist aber eine potenzielle Büchse der Pandora, also aufgemacht das verflixte Ding:

Fotografen-Modell-Beziehungen sind etwas Besonderes, wie ich finde. Es sind Freundschaften, aufs Wesentliche komprimiert. Beziehungen, die aus zweckmässigen Gründen entstehen – und sich dann in jede mögliche zwischenmenschliche Richtung entwickeln können. Bekanntschaften, Freundschaften können entstehen – aber auch negativ behaftete Kontakte, wenn bei der Vorbereitung Unstimmigkeiten auftreten. Stärkere Gefühle, wie Liebe und Hass, kommen für mich nicht in Frage – das Modeln ist für mich nur ein Hobby und ist es mir doch lieb geworden, so würde ich nicht meine psychische oder physische Gesundheit oder meine Beziehung dafür aufs Spiel setzen. Aus meinen bisherigen Bekanntschaften weiss ich aber, dass das durchaus auch anders sein kann.

Das Schweizer Model Dimdi Carnivora schrieb im oben stehenden Zitat ihre Gedanken zu Fotografie-Modell-Beziehungen, bei denen auch Himmel und Hölle nahebeieinanderliegen können. Für mich ein Glücksfall, da ich in meinem Blog ja nur von der dunklen Seite der Macht – äh – von meiner Perspektive als Fotografin aus schreiben kann. Deshalb möchte ich gerne im folgenden ihre Sichtweise durch meine ergänzen.

Fotografen verlieben sich in Modelle, Modelle zerstreiten sich mit Visas, Vertragsbrüche enden in jahrelangem Groll und übler Nachrede. Und das, obwohl man doch eigentlich nur gemeinsam shooten wollte! Wie konnte denn das passieren? Um das zu verstehen, sollte man vielleicht wissen, dass Fotografen und Modelle sich ja, sofern sie das Fotografieren als Hobby und Kunst betrachten, nicht per Zufall in einem Studio über den Weg laufen. Ein Shooting wird geplant und dabei entsteht eine Fotografen-Modell-Beziehung – welcher Natur auch immer.

Dass so eine Zusammenarbeit einen Vertrag braucht, deutet schon das Konfliktpotenzial an. Meine persönliche Einstellung ist, dass mündliche Vereinbarungen immer einzuhalten sind und es eigentlich kein schriftliches Niederlegen von Paragraphen bräuchte, wenn beide Parteien respektvoll miteinander umgingen. A und O in einem TfP-Shoot sind: das geplante Thema wird eingehalten, beide Seiten liefern ihre Leistung vor und hinter der Kamera nebst Auswahl und Bildbearbeitung, danach werden Bilder nur nach gemeinsamer Absprache veröffentlicht. So einfach wäre das … meine Erfahrung ist, dass die besten Arbeiten entstehen, wenn alle Teilnehmer auf dem gleichen Level operieren. Dark-Art- oder Fantasy-Freunde z. B. suchen sich am besten Models und Visas, die das auch goutieren. Der Klassiker bei der Kontaktaufnahme ist, dass ein Fotograf ein Model für freizügige Fotos anfragt, das explizit nicht für Akt-/Teilaktbilder zur Verfügung steht. Umgekehrt werde ich als Hochzeitsabstinenzlerin immer wieder nach dieser Dienstleistung gefragt. Doh!

Dimdi hat mittlerweile einen Fotografen gefunden, der Kontakt ist per E-Mail hergestellt:

Sind mir nun also die Bilder und die Person an und für sich sympathisch, geht’s ans Eingemachte: Wir besprechen eine konkrete Shootingidee. Diese Phase macht mir zwar sehr viel Spass – allerdings bin ich, wie mein liebes Mami korrekterweise zu sagen pflegt, ein „I want it all – and I want it NOW“-Typ. Ich bin sehr, sehr ungeduldig und wenn ich an den Bildern eines Fotografen erstmal einen Narren gefressen habe, würde ich das Shooting lieber gleich umsetzen, als lange zu planen. Auch hier ist es wieder von Fotograf zu Fotograf anders. Während der eine sich in den detailgenauen  Vorbereitungen für ein Shooting verlieren kann, ist der andere chaotisch und spontan. Während der eine am liebsten selbst die Kleidung für das Modell selber kauft und aussucht, überlässt der andere am liebsten die gesamte Vorbereitung dem Modell, inklusive Auswahl einer Visagistin und der Vorbesprechung mit selbiger. Wie in einer „normalen“ Freundschaft lasse ich mich auch hier soweit möglich auf die spannende Symbiose  mit dem mir nun immer weniger fremden Menschen ein. Hier kommt mir bestimmt meine tägliche Arbeit im Dienstleistungssektor zugute: Ich bin  neugierig auf neue Menschen und die zwischenmenschliche Kommunikation und Interaktion, auch wenn sich diese nicht alltäglich und als kleine Herausforderung gestalten mag.

Fast haben wir eine Situation wie bei einer Kontaktanzeige: Weiblich, Model, sucht Fotograf/in zur gemeinsamen, temporären Freizeitgestaltung zum Zwecke der Fotokunst. Nun gibt es unendlich viele Themen, die man gemeinsam angehen könnte. Viele Hobbymodelle wünschen sich eine Erweiterung ihrer Sedcard. Vielleicht haben sie schon einige Male mit Fashion vor der Kamera gestanden in allen möglichen Varianten und suchen jetzt nach einem Unterwasserfotografen oder wollen mit Farbe bemalt oder Mehl beworfen werden. Für alle Eventualitäten finden sich Gleichgesinnte.

Jeder, der schon TfP-Shoots gemacht hat, kennt die Situation: Die Türe geht auf und der/die noch unbekannte Fotografierwillige materialisiert sich. Man trinkt einen Kaffee miteinander und bespricht noch mal die Eckdaten des Shoots, schaut sich mitgebrachte Moods an. Erst wenn die Blitzanlage flackert und der Auslöser klickert, lernt man sich fotografisch kennen. Ist der Fotograf fähig, seine Vorstellungen verbal auszudrücken, hüpft er herum und versucht, Posen vorzutanzen? Welche Ausdrucksmöglichkeiten mimischer und bewegungtechnischer Art bringt das Model mit, ist sie routiniert oder unsicher, bleibt sie im Stereotypen verhaftet?

Ein Kennenlernshoot ist ein Überraschungsei oder eine Pralinenschachtel. Mit einer Prise Humor und Freude an Experimentellem umschifft man auch kleine Missverständnisse oder variiert das Thema in eine passendere Richtung. Dimdi schreibt hier auch über die möglichen Motivationen der einzelnen Parteien:

Anders als bei Freundschaften im normalen Leben ist es bei Fotografen-Modell-Beziehungen meist nicht so, dass man sich über Jahre hinweg kennenlernt und sich das Vertrauen des Gegenübers erarbeitet. Bei den kreativen Freundschaften zur TFP-Zusammenarbeit ist es wichtig, dass das Vertrauen in die Person und deren Motivation und Engagement für’s Shooting von Anfang an da sind oder aber sehr schnell entstehen. Der Fotograf muss erst einmal dem Modell und seiner Motivation vertrauen: Wird es sich für das Shooting einsetzen, also sich – falls nötig – entsprechend vorbereiten, auf einen Discobesuch verzichten, ausgeruht und pünktlich zum Set erscheinen? Nimmt es das Shooting also wichtig genug? Geht es ihm wirklich um die Kunst oder möchte es nur gratis möglichst viele Bilder absahnen? Wird es seine Begleitperson mit Bedacht wählen? Wird es sich nach dem Shooting an den Vertrag halten und die Bilder nur wie besprochen verwenden?

Wenn ich zurückblicke, habe ich bisher maximal 5-6 Zusammenkünfte mit einem Model gehabt, das sind eher Monate als Jahre, in denen man Kontakt hat. In den seltensten Fällen trifft man sich außerhalb des Studios oder der Location. Jenseits dieser Anzahl müsste es schon eine fotografische Muse sein, die immer wieder aufs neue inspiriert und begeistert – und umgekehrt: ebenso gute und vielseitige Bearbeitungen von mir bekommt und diese dauerhaft schätzt. Es ist eher unwahrscheinlich, dass man sich häufiger als eben diese 5-6 Mal trifft. Anders ist es natürlich, wenn ein Model in einer Beziehung mit einem Fotografen lebt, was durchaus häufiger der Fall ist.

Im worst case kann es passieren, dass ein Shoot völlig entgleist. Das ist immer der Fall, wenn die gegenseitigen Erwartungen nicht stimmig sind, wie schon erwähnt, der Fotograf wünscht Akt, das Model ist dazu nicht bereit, eine der Parteien macht amouröse Avancen (und ich habe das schon von einem Fotografen gehört, der sich von einem blonden, hübschen, tatsächlich weiblichen Model bedrängt fühlte).

Für mich waren unangenehme Erfahrungen, wenn das TfP-Model sehr gute Bilder (die sie völlig bekleidet zeigten) nach der Bearbeitung nicht zur Veröffentlichung freigab oder ein vereinbartes Thema (verdeckter Teilakt) dann beim Shoot kategorisch verweigert wurden. Letzteres Model wunderte sich tatsächlich, weshalb sie vergeblich nach einer weiteren Zusammenarbeit anfragte.

Aber auch das Modell muss dem Fotografen vertrauen: Wird er sich entsprechend vorbereiten Wird er sich während dem Shooting korrekt verhalten? Wird er die Bilder auswählen, die auch mir gefallen oder löschen, sollten sie mir zuwider sein? Werde ich seine Bilder stolz verwenden können, oder besteht auch die Möglichkeit, dass er mich enttäuscht? Bearbeitet er sie so liebevoll wie die restlichen Bilder auf seiner Sedcard? Wird er die Bilder bald liefern, oder lässt er mich monatelang darauf warten? Verwendet er die Bilder nur wie besprochen und geht er mit der Namensnennung korrekt um? Und immer wieder: Ist er genau so motiviert und engagiert wie ich? So viele Fragen, die man innerlich schon alle positiv beantworten können sollte, bevor man ein Shooting angeht – denn mangelndes Vertrauen spiegelt sich meiner Meinung nach auch in den Bildern. Und überhaupt mag ich mich nicht auf ein Shooting vorbereiten, wenn ich kein gutes Gefühl dabei habe.

Es kommt tatsächlich vor, dass man als Fotograf zerknirscht vor dem PC sitzt, weil die Ergebnisse des Shoots nicht den Vorstellungen entsprechen. Trotzdem hat man zeitnah einige ausgewählte Bilder zu bearbeiten. Denn beide Parteien haben Zeit, manchmal auch Sprit investiert und das sollte nicht vergebens sein. Ist das Model aus der unmittelbaren Umgebung, bietet es sich an, sich einfach noch mal zu treffen, wenn man hofft, es besser machen zu können.

Letztlich spiegelt sich in der Arbeitsbeziehung zwischen Model und Fotograf immer die Persönlichkeit beider wieder. Je anständiger und kooperativer beide Seiten gelagert sind, desto besser werden die Ergebnisse sein. Nicht unerwähnt sollte auch die Tatsache bleiben, dass es meistens einen nicht unerheblichen Altersunterschied gibt, Fotografen sind oft 10–20 Jahre älter als ihre Models. Eine gute Richtlinie für nachhaltige Netikette ist, wenn jeder die Arbeit des anderen höher einstuft, als die eigene. Dem Fotografen muss bewusst sein, dass das Model sich vor der Kamera zeigt, manchmal sogar entblößt, vorher vielleicht Mahlzeiten ausgelassen hat, teure Accessoires u. ä. angeschafft hat und er dementsprechend zurückhaltend agiert und die Leistung durch seine Postproduktion würdigt. Umgekehrt sollte es dem Model klar sein, dass der Fotograf Tausende von Euro in Kamera, Software und Tutorials investiert hat und vielleicht sogar eine monatliche Studiomiete zahlt und ein bisschen Auslöserdrücken nicht ausreicht, um gute Bilder zu produzieren.

Aber: Nicht alle Fotografen-Modell-Beziehungen müssen bleibend sein. Oft herrscht nach dem Liefern der entstandenen Bilder Funkstille, oft verläuft die in der Vorbereitungszeit so intensive Freundschaft mit täglichem Austausch, auch über private Dinge, abrupt im Sande – und auch das ist okay. Klar mag es seltsam anmuten, dass Freundschaften und intensive Kontakte so schnell versiegen wie ein Tropfen Wasser in der Sahara – aber vielleicht ist es ja auch das Schicksal einer Freundschaft, die so schnell entstanden ist, auch wieder so schnell zu versiegen. Vielleicht sind Menschen, die so schnell bereit dazu sind, sich auf einen fremden Menschen in ihrem Leben einzulassen – sei es auch nur für begrenzte Zeit – auch automatisch mit dem Talent ausgestattet, Freundschaften ohne böses Blut zu beenden. Nicht immer enden die Freundschaften dann wiederum aber endgültig, so muss man sagen. Da meine Zusammenarbeiten meist grossartig verlaufen und ich selten bei einem Fotografen wirklich „den Bildern nachrennen“ muss, kann es durchaus auch sein, dass die Freundschaft Monate oder Jahre später wieder aufblüht, dass wir erneut ein Shooting andenken und auch durchziehen.

Über die Begleiterscheinungen angenehmer Art solcher freundschaftlichen Arbeitsbeziehungen liest man selten, meistens tauschen sich Models oder Fotografen in öffentlichen Gruppen aus, wenn das Kindlein in den Brunnen gefallen ist und man feststellt, dass der Vertrag das Papier nicht wert ist, auf dem geschrieben steht, dass Bilder zeitnah bearbeitet und geliefert werden müssen.

Die Begriffe – Kunst und Freundschaft –, die Dimdi in ihren Gedanken mehrfach verwendet hat, setzen die Messlatte sehr hoch. Das sollte Motivation sein, vollen Einsatz und Teamwork zu zeigen. Kunst ist bekanntlich schön, macht aber viel Arbeit (frei nach Karl Valentin). Ich bin mir letztlich nicht ganz sicher, ob ich selbst das Wort „Freundschaft“ gewählt hätte, denn hier liegt ein Zweck zugrunde, es ist für mich eher in der Kategorie „Bekanntschaft aufgrund von gemeinsamen Zielen“ anzusiedeln.

Wie Dimdi selbst schon schrieb, sind tiefere Gefühle in so einer Arbeitsbeziehung fehl am Platze. Es sollte selbstverständlich sein, dass man keine Grenzen überschreitet. Wer glaubt, über ein TfP-Shoot mit einem Model oder umgekehrt mit einem Fotografen anzubandeln, sollte sein Hobby noch mal überdenken. Was ich mir selber öfter wünschen würde, wäre ein Nachgespräch. Mich stört diese „Funkstille“, weil ich keine qualifizierte Rückmeldung über meine Bilder bekomme. Manche Models posten keine Bilder von mir, obwohl ich stundenlang dran gebastelt hatte, vielleicht haben sie einen anderen Stil, können sich mit dem Sujet nicht identifizieren? Ich werde es wohl nie erfahren. Andere wiederum freuen sich überschwänglich darüber, wo ich mir etwas Kritik oder Input wünschen würde.

Der Schritt zu einer Freundschaft, in der man offen sagen kann, was man gut oder weniger gut fand am Shoot, scheint in 99 % der Fälle nicht gegangen zu werden.

Ich freue mich auf jeden Fall darauf, Dimdi persönlich kennenzulernen und eine weitere tolle Zusammenarbeit anzustreben. Bald gibt es bestimmt noch mehr von ihr an dieser Stelle zu lesen.

Hier der Link zu Dimdis Seite in der MK:

Link zu Dimdis MK-Portfolio

Das Beitragsbild zeigt Rassamee Gesell, die der abgebildeten Fotografin (meiner Wenigkeit) zeigt, wer die Chefin im Studio ist.

Profit vs. Prestige

„Money versus creativity, profit versus prestige – this is the tension that bookers and clients constantly must resolve in their work.“ Ashley Mears

Bei der Lektüre von Ashley Mears’ Studie in Buchform über das Modelgeschäft „Pricing Beauty“ stieß ich auf diesen nachdenkenswerten Satz. Es geht darum, dass im Fashion Business die prestigeträchtigsten Editorial-Jobs bei Vogue & Co. am schlechtesten bezahlt sind, während die tumbe Katalog-Akkordarbeit für Billigmarken viel Geld bringt, aber im Gegenzug in der Regel alle Aufstiegschancen ruiniert. Das gilt für Models wie für Fotografen gleichermaßen. Nach einer gewissen Zeit im lukrativen Kataloggeschäft verliert man alle Chancen, für Editorials gebucht zu werden. Wieder ein Schlag der Realität ins Gesicht der von Ruhm und Reichtum träumenden Models/Fotografen, offensichtlich muss man sich für eins von beiden entscheiden. Reich oder sexy 😉

Geldverdienen oder Kreativsein

Wer keine Fashion-Ambitionen hat, stellt fest, dass sich die Gesetzmäßigkeiten der Haute Couture auch auf andere, profanere Bereiche übertragen lassen. Medientraumjobs beispielsweise werden schlechter bezahlt, höhere Gehälter bringen eher Finanz- oder Technikberufe. Wenn man ein bisschen darüber nachdenkt, kommt man auch von selber darauf, dass Entlohnung eine Entschädigung für Lebenszeit ist, je schwieriger und profitabler, desto mehr kann man dafür verlangen.

Wie sieht es im Leben eines/r Wald-und-Wiesen-Porträtfotografen/in aus? Gibt es dort auch die Spannung zwischen Geld und Kreativität? Ich kenne tatsächlich Kollegen/innen, die steuerrechtlich nur knapp über der Liebhaberei mit ihrem Gewerbe operieren, einfach weil die Leidenschaft für teure Model-Sharings und unprofitables Eigenmarketing stark zu Buche schlagen. Ein Schelm, der den Spruch prägte: Klicks bei Facebook sind so viel wert wie Monopoly-Geld. Für 5 Euro kann man übrigens in Fernost 500 Likes auf Facebook oder Instagrambilder einkaufen. Wer für einen Freund fragen möchte, schreibe mir diskret eine E-Mail.

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Ziegruppenorientiertes Marketing von Fotografen – gibt es das tatsächlich?

Wenn also die Bildergalerien auf der Fotografenwebseite voller rothaariger, sommersprossiger Schönheiten mit Schmachtblick oder – dem männlichen Gegenstück: geölten Muskelprotzen mit Wasserperlen auf der Haut – gefüllt ist, darf man sich nicht wundern, wenn normalsterbliche Kunden Schwellenängste entwickeln. Klüger wäre es, sich auf Männer mit Bierbäuchen oder Erotikbilder von 50+-Damen zu spezialisieren. Das wäre dann ein zielgruppengerechtes Portfolio, was nach meiner Recherche jedoch seltener als der Yeti zu sichten ist.

Dann lieber sexy

Letztlich greift der Bildschaffende dann doch zur überdurchschnittlich hübschen Alternative, die oft noch kostspielig ist. Aber wo sind die gut gebauten Herren und Damen zu finden? Die Modelkartei ist ein Portal, in dem vor allem über den Mangel an eben denselben gejammert wird. Im günstigsten Fall findet man schöne Menschen im Bekannten- und Freundeskreis, die für wenig bis gar kein Honorar ihre Bildrechte abtreten im Austausch für liebevoll bearbeitete kleine Kunstwerke, sog. Time-for-Picture-Projekte. Natürlich soll man nebenberufliche oder Vollzeit-Profis buchen, wenn man entsprechende Ergebnisse erzielen möchte, aber die Erfahrung zeigt, dass die gemeinsame Arbeit mehr begeistert, wenn die Tätigkeit vor der Linse nicht nur ein Job ist, sondern eine Herzensangelegenheit. Routine langweilt alle Beteiligten schnell, Professionialität ist ein zweischneidiges Schwert.

Fotografie als Liebhaberei ist doch der Königsweg …

Beide Bilder in diesem Beitrag entstanden in Zusammenarbeit mit dem genialen, akrobatischen Model Lexa Lee:

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