Mühlstein

Paarshoot-Tücken

Wenn schon die Darstellung des weiblichen Körpers im Zustand seiner Erschaffung die Königsdisziplin der Menschenfotografie ist, dann gilt das doppelt oder sogar hoch zwei für erotische Paarshoots.

Beim Akt gleich welchen Keys benutzt man vorzugsweise modellierende schmale Lichtformer, die man recht seitlich anordnet, was zu Schattenwürfen führt, beispielsweise am Nasenrücken oder noch schlimmer, wenn eine Pose mit Hand in Kopfhöhe verwendet wird, im Gesicht, Hals- und Decolleté-Bereich. Nachdem man ein Armhebeverbot verworfen hat, stelle man ein männliches Pendant neben die im Zangenlicht Unbekleidete und – voilà – hat man eine Pandorabüchse von Schlagschatten geöffnet, um die man herumfotografieren muss.

Dabei ist es schon sehr schwierig, zwei Menschen ohne technische Workarounds interessant anzuordnen, denn hier entscheidet die Konstruktion des Posings, ob das Bild überzeugend gelingt. Wir gehen davon aus, dass wir es mit zwei hochmotivierten Exemplaren vor der Kamera zu tun haben, wobei die Erfahrung lehrt, dass meistens der Mann zu solchen Experimenten gezwungen wurde. Kein Liebesbeweis ist höher zu bewerten als dem Wunsch der Partnerin nachzukommen, sich in einem Fotostudio als männliche Garnitur einer Aktkonstellation zur Verfügung zu stellen. Dementsprechend gelten die motivierenden Zwischenrufe der Fotografin vor allem den Herren der Schöpfung. Frauen können Schlafzimmerblicke in den meisten Fällen ohne Anleitung abrufen.

Nach Auswahl von Vorbildern aus dem Internet, mit denen alle Beteiligten leben können geht man ans ambitionierte Werk und stellt Paarposen nach, die gut funktionieren. Ist die Partnerin größer, stellt man den Mann auf ein kleines Podest. Man bedenke dabei immer, dass eins der Bilder evtl. im halböffentlichen Raum ausgestellt wird, wo Putzfrau, Handwerker und pubertierende Nachkommen es – zumindest temporär – einsehen können.

Im folgenden möchte ich ein kleines Troubleshooting auflisten:

1) Mann verdeckt Brustbereich der Partnerin optisch unglücklich

2) Mann schaut unangebracht

Für Punkt 1) und 2) war sich die Schreiberin dieser Zeilen nicht zu schade, beide häufigen Fehler im Bild zu verdeutlichen. Aus Liebe zur Menschheit wurde die Demonstration nicht am lebenden Subjekt vorgenommen.

3) Mann posiert die gewünschte Stimmung zerstörend locker und lässig (im schlimmsten Fall gelangweilt oder genervt)

Marvin (oben links im Bild) war so freundlich, mithilfe der Schaufensterpuppe vom Beispiel oben auch diesen Fehler plakativ vorzuführen.

Hier sieht man, wie es richtig geht:

Im Sinne der Gleichberechtigung müssen wir uns fragen: Können Frauen denn keine Fehler machen? Es scheint möglich zu sein, ist mir aber noch nicht vorgekommen 😉

Vielen Dank an Sven und Steffi für die Erlaubnis, ein Bild aus ihrem Paarshoot als besonders gelungenes Beispiel veröffentlichen zu dürfen.

Profit vs. Prestige

„Money versus creativity, profit versus prestige – this is the tension that bookers and clients constantly must resolve in their work.“ Ashley Mears

Bei der Lektüre von Ashley Mears’ Studie in Buchform über das Modelgeschäft „Pricing Beauty“ stieß ich auf diesen nachdenkenswerten Satz. Es geht darum, dass im Fashion Business die prestigeträchtigsten Editorial-Jobs bei Vogue & Co. am schlechtesten bezahlt sind, während die tumbe Katalog-Akkordarbeit für Billigmarken viel Geld bringt, aber im Gegenzug in der Regel alle Aufstiegschancen ruiniert. Das gilt für Models wie für Fotografen gleichermaßen. Nach einer gewissen Zeit im lukrativen Kataloggeschäft verliert man alle Chancen, für Editorials gebucht zu werden. Wieder ein Schlag der Realität ins Gesicht der von Ruhm und Reichtum träumenden Models/Fotografen, offensichtlich muss man sich für eins von beiden entscheiden. Reich oder sexy 😉

Geldverdienen oder Kreativsein

Wer keine Fashion-Ambitionen hat, stellt fest, dass sich die Gesetzmäßigkeiten der Haute Couture auch auf andere, profanere Bereiche übertragen lassen. Medientraumjobs beispielsweise werden schlechter bezahlt, höhere Gehälter bringen eher Finanz- oder Technikberufe. Wenn man ein bisschen darüber nachdenkt, kommt man auch von selber darauf, dass Entlohnung eine Entschädigung für Lebenszeit ist, je schwieriger und profitabler, desto mehr kann man dafür verlangen.

Wie sieht es im Leben eines/r Wald-und-Wiesen-Porträtfotografen/in aus? Gibt es dort auch die Spannung zwischen Geld und Kreativität? Ich kenne tatsächlich Kollegen/innen, die steuerrechtlich nur knapp über der Liebhaberei mit ihrem Gewerbe operieren, einfach weil die Leidenschaft für teure Model-Sharings und unprofitables Eigenmarketing stark zu Buche schlagen. Ein Schelm, der den Spruch prägte: Klicks bei Facebook sind so viel wert wie Monopoly-Geld. Für 5 Euro kann man übrigens in Fernost 500 Likes auf Facebook oder Instagrambilder einkaufen. Wer für einen Freund fragen möchte, schreibe mir diskret eine E-Mail.

lexa-8622

Ziegruppenorientiertes Marketing von Fotografen – gibt es das tatsächlich?

Wenn also die Bildergalerien auf der Fotografenwebseite voller rothaariger, sommersprossiger Schönheiten mit Schmachtblick oder – dem männlichen Gegenstück: geölten Muskelprotzen mit Wasserperlen auf der Haut – gefüllt ist, darf man sich nicht wundern, wenn normalsterbliche Kunden Schwellenängste entwickeln. Klüger wäre es, sich auf Männer mit Bierbäuchen oder Erotikbilder von 50+-Damen zu spezialisieren. Das wäre dann ein zielgruppengerechtes Portfolio, was nach meiner Recherche jedoch seltener als der Yeti zu sichten ist.

Dann lieber sexy

Letztlich greift der Bildschaffende dann doch zur überdurchschnittlich hübschen Alternative, die oft noch kostspielig ist. Aber wo sind die gut gebauten Herren und Damen zu finden? Die Modelkartei ist ein Portal, in dem vor allem über den Mangel an eben denselben gejammert wird. Im günstigsten Fall findet man schöne Menschen im Bekannten- und Freundeskreis, die für wenig bis gar kein Honorar ihre Bildrechte abtreten im Austausch für liebevoll bearbeitete kleine Kunstwerke, sog. Time-for-Picture-Projekte. Natürlich soll man nebenberufliche oder Vollzeit-Profis buchen, wenn man entsprechende Ergebnisse erzielen möchte, aber die Erfahrung zeigt, dass die gemeinsame Arbeit mehr begeistert, wenn die Tätigkeit vor der Linse nicht nur ein Job ist, sondern eine Herzensangelegenheit. Routine langweilt alle Beteiligten schnell, Professionialität ist ein zweischneidiges Schwert.

Fotografie als Liebhaberei ist doch der Königsweg …

Beide Bilder in diesem Beitrag entstanden in Zusammenarbeit mit dem genialen, akrobatischen Model Lexa Lee:

Lexa Lee auf Facebook

Heute wird posiert!

Die zu porträtierende Person steht oder sitzt also nun im Studio im luftleeren Raum und stellt fest, dass man auf einem Foto arg lasch wirkt, wenn man keine besondere Körperhaltung einnimmt. Ein Hüftknick, den man schon mal als Mann im Alltag nie macht … ein leichtes Hohlkreuz, der Arm in der Hüfte, … auf Bildern wirkt das peppiger als einfach dazustehen oder -sitzen, wie man es auf dem Bürostuhl oder der heimischen Couch tut.

Deshalb hält jeder Fotograf einen Posing-Guide bereit und schmökert mit dem Model in spe darin, um sich für das Shoot inspirieren zu lassen. Stehend, liegend, sitzen, kniend. Feminin für die Dame, kernig-männlich für den Herrn und lustig-verspielt für Kinder.

posing2Oft stößt man jedoch schnell an seine Grenzen, da die Stellungen für Ungeübte oft schwer nachzuvollziehen sind und die Umsetzung dann nicht ganz gelingt. Das kann frustrieren … fast meint man, es springe Heidi Klum aus der Ecke hervor und tadele mit Piepsstimme: „Ich habe heute kein Foto für Dich!“

Aber was, wenn man es schafft, die gewünschten Bilder im Posing-Guide nachzustellen? Dann droht die Gefahr, 0815-Mittelmaß zu produzieren. Bilder, wie man sie eben schon so oft gesehen hat. Was tut man also dagegen? Man schaut sich an, was Leute tun, die bereits als Teenager solche Anleitungsbücher hätten füllen können:

Kate Moss auf Pinterest Klick!

Für mich sind Lockerheit oder aber Natürlichkeit der Goldstandard bei informellen Porträts. Also einen Raucher lasse ich gerne rauchen, andere sich auf eine Stuhllehne aufstützen. Coole Typen sollen sich im Schneidersitz hinfläzen oder auf den Boden legen. Es kann nie etwas schaden, vor dem Shoot eine kleine Übungsstunde vor dem Spiegel zu machen und ein paar Haltungen zu probieren und auch den gewünschten Lächelgrad zu eruieren. Wenn Posen an sich schon nicht einfach ist, gepaart mit Mundwinkelgymnastik wird sie noch schwerer. Mimik gehört zum Posing natürlich dazu. Zu einem erotischen Bild, beispielsweise, passt ein Schlafzimmerblick nebst leichtem Kussmund besser als ein herzliches Lachen mit Krähenfüßen.