... heiter die Kunst

Sin City Hangover

A Shoot a Day Keeps the Doctor Away?

Glaubt man den Berichten der WHO, sind Depressionen weltweit auf dem Vormarsch. Nehmen wir weiterhin an, dass die Statistiken nicht davon verzerrt sind, dass man heutzutage einem Arzt gegenüber in der Sprechstunde nur beiläufig häufige Müdigkeit erwähnen muss, um einen Burnout bescheinigt zu bekommen. Statt die unfreiwillig verschriebenen Benzodiazepine einzuwerfen, könnte man seine Kamera abstauben und dem Stumpfsinn des Alltags mit Kreativität begegnen. Gesagt, getan.

Her mit nem Thema!

Zunächst muss man sich ein Sujet suchen, das einem passend erscheint. Bei leicht sadistischen Neigungen bieten sich andere Menschen an, denen man mit einem attraktiven Thema ein Fotoshoot schmackhaft macht. Die unermüdliche Bloggerin bekommt praktischerweise häufiger Anfragen von Selfiemüden, die sich auf solch gemeinsame Freizeitgestaltung mit ungewissem Ausgang einlassen. Nicht selten darf die Fotografin die Regie übernehmen und eine lang gehegte Inszenierung versuchen. 

Her mit den Models!

Mir schwebte schon anderthalb Jahre eine Sin-City-Stimmung vor, in der sich die Akteure mit Messergürtel, Knarren, Lack und Leder austoben könnten, während ich im Nachgang dann hemmungslos in schwarz-weiß und rot überzeichnen dürfte. Spaß an der Sache ist garantiert, wenn das Thema leicht umsetzbar ist dank vieler cooler Plakate oder Szenestills aus genanntem Film und der Möglichkeit, mit einfachen Mitteln ein cineastisches Panorama in die Bilder einzufügen. Im Titelbild ist überdies zu sehen, dass Nikon-Kameras durchaus zu der Gattung der scharfen Waffen zählen und sogar Fotografinnen durch Bearbeitungszauber optisch gewinnen.

Kraft durch Freude

Die Risiken und Nebenwirkungen solcher Aktivitäten kann man also in zwei Richtungen beleuchten, nämlich einerseits auf die Tätigkeit des Fotografierens und andererseits auf das Fotografiertwerden bezogen. Die Fotografin recherchiert Hintergründe, sammelt Props, stempelt Blutspritzer, die Modelle verkleiden sich und agieren schauspielerische Ambitionen aus. Das macht Spaß und Laune, zumindest temporär …

Doch besser Valium?

Fast hätte ich also gefolgert, dass ein Fotoshoot Depressionen vertreiben kann, aber letztlich sind die Nebenwirkungen auch beachtlich. Auf der Festplatte stauen sich die zu bearbeitenden Bilder bedrohlich an und drücken unbewusst auf das Gemüt der Photoshopbedienerin. Unsere Modelle indes knüpfen schon wieder Kontakte und bemühen sich um ein nächstes Projekt, während sie noch mit mir im Studio Kaffee trinken. Nach dem Shoot ist vor dem Shoot. Eine leichte Migräne macht sich breit.

 

Vielen Dank an Frank
Frank auf Instagram

und Jessi,
Jessi auf Instagram

die für mich ihr Recht am eigenen Bild mit Füßen treten 😉

 

Sedcarderweiterung

Jede Teilnehmerin an einer Misswahl wünscht sich Weltfrieden, jedes Hobbymodell eine „Sedcarderweiterung“, mein persönliches Unwort des Jahres 2018. Man hat schon Bilder von sich in verschiedensten Outfits, als Zombie mit Kunstblut und Prinzessin im Schnee, nun ist man nur noch an einer freien Zusammenarbeit interessiert, wenn der Fotograf ein besonderes Thema realisieren kann, das sich noch nicht im Portfolio niedergeschlagen hat. Begehrt sind beispielsweise besondere Locations unter Wasser oder historische Schlösser, also aufwändige und kostenintensive Sets. Ob Anfragen von Fotografen, die ein weiteres Porträtshoot im Kellerstudio anbieten, wird verächtlich die Nase gerümpft. Davon hat man ja schon eine Menge. „Langweilig!“, um es mit Homer Simpson zu sagen.

Klingt auch plausibel, wenn ein Model ihre Bandbreite erweitern möchte. Allerdings steht das im Gegensatz zu den meisten Fotografen, die sich qualitativ verbessern möchten, also nicht in die Breite (horizontal), sondern in die Höhe (vertikal). Dazu braucht es das mehrmalige Üben eines Sujets. Statt immer neue Herausforderungen zu suchen, auf hohe Berge zu steigen oder unter Wasser zu tauchen, wird ein Fotograf versuchen, seinen favorisierten Aufnahmebereich zu verfeinern, klingt hehr, dahinter steckt jedoch meist auch eine gehörige Portion Bequemlichkeit, man shootet gerne in Umgebungen, die man schon kennt und technisch beherrscht. Für das Model klingt das nach lästiger Arbeit und Anstrengung, was gern vermieden wird, denn der Spaßfaktor steht weit oben auf der Motivationsskala.

Also versuchen sich beide Seiten an einem Kompromiss: Model und Fotograf nähern sich an und bemühen sich, gleichzeitig eine Steigerung der Qualität und Vielfalt der Aufnahmebereiche zu erreichen, sozusagen eine diagonale Aufwärtsbewegung, wenn die x-Achse für thematische Breite und die y-Achse für Schöpfungshöhe steht, so man es mathematisch-grafisch darstellen will.

Der Fotograf ist gefordert, seine Comfort Zone, das heimische Studio oder die Lieblingslocation zu verlassen und sich in neue Gefilde vorzuwagen, das Model ist gefordert, ihr Posing und ihre Mimik zu verbessern und sich mit faszinierendem Ausdruck im besonderen Setting von der Masse abzuheben. Wenn alle Seiten bereit sind, sich in neue Höhen aufzuschwingen, dann kann Großartiges entstehen.

Für das Beitragsbild „Alternative Lebenskonzepte“ begaben wir uns in eine 12° kalte Räumlichkeit, die Models mussten sich zitternd aus den Klamotten schälen, die Fotografin kämpfte mal wieder zähneknirschend mit dem wackeligen Klinkenadapter am Porty. Danke an Ivonne, Jessi und Frank.

Das Titelbild entstand nach langer Planung und ausführlichem Schminken in Tschechien. Danke an Karolina und David.

Paarshoot-Tücken

Wenn schon die Darstellung des weiblichen Körpers im Zustand seiner Erschaffung die Königsdisziplin der Menschenfotografie ist, dann gilt das doppelt oder sogar hoch zwei für erotische Paarshoots.

Beim Akt gleich welchen Keys benutzt man vorzugsweise modellierende schmale Lichtformer, die man recht seitlich anordnet, was zu Schattenwürfen führt, beispielsweise am Nasenrücken oder noch schlimmer, wenn eine Pose mit Hand in Kopfhöhe verwendet wird, im Gesicht, Hals- und Decolleté-Bereich. Nachdem man ein Armhebeverbot verworfen hat, stelle man ein männliches Pendant neben die im Zangenlicht Unbekleidete und – voilà – hat man eine Pandorabüchse von Schlagschatten geöffnet, um die man herumfotografieren muss.

Dabei ist es schon sehr schwierig, zwei Menschen ohne technische Workarounds interessant anzuordnen, denn hier entscheidet die Konstruktion des Posings, ob das Bild überzeugend gelingt. Wir gehen davon aus, dass wir es mit zwei hochmotivierten Exemplaren vor der Kamera zu tun haben, wobei die Erfahrung lehrt, dass meistens der Mann zu solchen Experimenten gezwungen wurde. Kein Liebesbeweis ist höher zu bewerten als dem Wunsch der Partnerin nachzukommen, sich in einem Fotostudio als männliche Garnitur einer Aktkonstellation zur Verfügung zu stellen. Dementsprechend gelten die motivierenden Zwischenrufe der Fotografin vor allem den Herren der Schöpfung. Frauen können Schlafzimmerblicke in den meisten Fällen ohne Anleitung abrufen.

Nach Auswahl von Vorbildern aus dem Internet, mit denen alle Beteiligten leben können geht man ans ambitionierte Werk und stellt Paarposen nach, die gut funktionieren. Ist die Partnerin größer, stellt man den Mann auf ein kleines Podest. Man bedenke dabei immer, dass eins der Bilder evtl. im halböffentlichen Raum ausgestellt wird, wo Putzfrau, Handwerker und pubertierende Nachkommen es – zumindest temporär – einsehen können.

Im folgenden möchte ich ein kleines Troubleshooting auflisten:

1) Mann verdeckt Brustbereich der Partnerin optisch unglücklich

2) Mann schaut unangebracht

Für Punkt 1) und 2) war sich die Schreiberin dieser Zeilen nicht zu schade, beide häufigen Fehler im Bild zu verdeutlichen. Aus Liebe zur Menschheit wurde die Demonstration nicht am lebenden Subjekt vorgenommen.

3) Mann posiert die gewünschte Stimmung zerstörend locker und lässig (im schlimmsten Fall gelangweilt oder genervt)

Marvin (oben links im Bild) war so freundlich, mithilfe der Schaufensterpuppe vom Beispiel oben auch diesen Fehler plakativ vorzuführen.

Hier sieht man, wie es richtig geht:

Im Sinne der Gleichberechtigung müssen wir uns fragen: Können Frauen denn keine Fehler machen? Es scheint möglich zu sein, ist mir aber noch nicht vorgekommen 😉

Vielen Dank an Sven und Steffi für die Erlaubnis, ein Bild aus ihrem Paarshoot als besonders gelungenes Beispiel veröffentlichen zu dürfen.