... heiter die Kunst

„Mir war nie langweilig“

Jochen Schoberth ist ein Urgestein der Bayreuther Musikszene. In den 1980er Jahren führte er die Etage in der Markgrafenallee und ist bis heute aktiver Gitarrist in der von ihm gegründeten Band: „Bella Donna“. Er bezeichnet sich selbst zuerst als Musiker, dann als Ton- und Videotechniker. Hier verlinkt die Stadt der Träume aus Etagezeiten, 1992:

In seinem Studio finden sich einige legendäre Sammlerstücke wie Artwork, Jupiter-6 oder Emax an musikalischem Equipment, die heute noch ihren Dienst tun und aus Modellreihen stammen, mit denen früher Depeche Mode, Van Halen, Genesis und andere arbeiteten. So ist Jochens Credo, dass die Stücke, die er auswählt, nicht bloßes Werkzeug, sondern Inspiration sein sollen. So ist es wenig verwunderlich, dass er langjähriger Macuser ist, was ein alter PPC 7200 beweist, auf dem heute noch FileMaker für die Buchhaltung läuft.  Einige seiner älteren Rechner beherbergen Spezialprogramme, für die es keine aktuellen Upgrades mehr gibt. Wer wie ich eine alte 2009er Käsereibe sein eigen nennt, weiß es zu schätzen, dass Jochen quasi nebenbei unter Geplauder ein Prozessorupgrade einbauen kann, wenn ich als grobmotorische Eigentümerin den Mut dazu nicht habe. Er kennt wirklich fast jeden Mac der vergangenen Jahre sprichwörtlich in- und auswendig.

Bereits vor Corona erkannte Jochen, dass die Zeiten für Musiker sich ändern würden. Nachdem die Anzahl von Festivals in den 1990ern stark anstieg, kam es zu einem Verdrängungswettbewerb, aus dem die großen Etablierten wie „Wacken“ und „Rock im Park“ als feste Größe hervorgingen. Andere wiederum verschwanden von der Bildfläche. Tendenz weiterhin abnehmend.

Eine Parallele dazu sieht er auch in den einschlägigen Fachmessen, die ebenfalls vor Jahren an Bedeutung verloren. Die Kundengewinnung geht heute über andere Kanäle, man spart sich gerne sündhaft teure Standmieten, die man erst mühsam über Projekte wieder amortisieren müsste.

Mit Corona nehmen diese Entwicklungen an Fahrt auf. Großveranstaltungen, seien es Festivals oder Fachmessen, sind auf Monate hinaus auf Eis gelegt. Jochen rechnet damit, dass das in 2021 so bleiben wird. Als die Krise begann, hatte er gerade erheblich in Aufnahmetechnik für fest gebuchte lukrative Engagements investiert, die dann gezwungenermaßen nicht stattfinden konnten. Glücklicherweise konnte er mit der bayerischen Soforthilfe ein paar Wochen überbrücken bis er andere Projekte durchführen konnte.

Ein Highlight war die Aufnahme und das Streaming der Oper „Sonnenflammen“ von Siegfried Wagner im Bayreuther „Reichshof“. Das Besondere an der Veranstaltung war, dass sie unter strengen Hygieneauflagen – also coronagerecht – ablief. Der Dirigent hatte im Vorfeld die Orchestermusik mit hochwertigen digitalen Samples eingespielt (digitales Orchester) und das ganze Ensemble bewegte sich quasi in Quarantäne, indem sie zwischen den Proben im Hotel und den Aufführungen pendelte, ohne Kontakt zur Bevölkerung zu haben. Die Zuschauer wiederum wurden nur in begrenzter Zahl eingelassen, so dass der Abstand auf den Stühlen gewahrt wurde.

Mich wunderte, dass ich von dem Projekt zwar auf Jochens Facebook-Seite https://www.facebook.com/jochen.schoberth erfahren, aber ansonsten keine offizielle Kommunikation zum Konzert wahrgenommen hatte. Kann es sein, dass das Coronagetöse auf allen Kanälen solche Veranstaltungen verdrängt? Momentan hört man fast nur Negatives, dass Martini und Weihnachtsmärkte unter freiem Himmel abgesagt werden. Werden am Ende dadurch positive Meldungen übersehen?

Jochen befürchtet, dass Corona soziale Ungerechtigkeiten befeuern wird, was nichts Ungewöhnliches für Krisen ist. Für ihn ist jedoch wichtiger, dass unaufschiebbare Entwicklungen endlich beschleunigt werden, über die lange geredet wurde, und für deren Umsetzung jetzt die Weichen gestellt werden. Zum einen nennt er den Klima- und Umweltschutz, für den die eigene Einstellung zu Urlaubsflügen überdacht werden muss. Soll man wirklich zweimal im Jahr wegfliegen oder gar mit einem Kreuzfahrtmonster durch die Meere schippern? Der ökologische Fußabdruck muss kleiner werden und Corona ist die Gelegenheit, das jetzt Realität werden zu lassen.

Seine Lebensphilosophie war schon immer, dass man das hart erwirtschaftete Geld nachhaltig und sinnvoll ausgeben sollte. So ein Auslandsurlaub sei zwar schön, aber das Geld sei ihm zu schade. Da bin ich an meine eigene Selbstständigkeit erinnert, in der ich schwer vorausplanen konnte, wann ich mal eine Zeit wegfahren könnte. Es ergibt sich fast zwangsläufig eine Verschmelzung von Freizeit und Arbeit, Beruf und Hobby, wenn man das, was man macht, einfach liebt.

Jochen ärgern die Coronaleugner, von denen er glaubt, dass es vor allem Singles sind, die gewohnt sind, ihren Egoismus auszuleben. Diese fühlten sich derart eingeschränkt, dass sie absurden Verschwörungstheorien anhingen, die ihren Frust und Zorn auf die Anti-Coronamaßnahmen vermeintlich rechtfertigen. Für ihn gibt es keine Diskussionen darüber, ob man alles daran setzten sollte, Leben zu schützen, es ist moralische Pflicht. Nach seiner Meinung tut die Politik nicht genug, um den Virus konsequent einzudämmen. Besonders Donald Trump habe Covid anfänglich nicht ernst genommen und habe deshalb die schlimmen Konsequenzen zu verantworten.

Ich frage Jochen, ob er kreative Lösungsansätze gebraucht hat, um durch die Coronazeit zu kommen. Er meint, für ihn habe sich nicht viel geändert, ihm sei nie langweilig geworden. Seine Brot- und Butterjobs habe er weiter machen können, z.B. CD-Mastering für Musikmagazine. Auch der Probebetrieb von „Bella Donna“ sei normal weitergelaufen, da der Raum groß genug ist und die Band fand Zeit, an neuen Stücken zu arbeiten. Liegengebliebenes wartet bis heute auf Aufarbeitung.

Wahnfried in 3D auf Sketchfab

Außerdem braucht Jochen keine Krisenzeiten, um sich weiterzuentwickeln, denn das tut er seiner Natur gemäß eigentlich ständig. Über die Beschäftigung mit Drohnentechnik, sowohl für Fotografie als auch Video, kam er auf die Idee markante Baudenkmäler in 3D-Objekte umzusetzen. Selbst die Villa Wahnfried war nicht vor ihm sicher oder ein Bahnhof im Bayreuther Umland. Natürlich reicht es nicht, wenn man digitale Daten erstellt, ein 3D-Drucker wurde angeschafft, um Modelle herzustellen, die dann von ihm zuletzt per Airbrush gefinisht werden.

Live-Streaming von Konzerten ist angesagt in Zeiten, in denen Publikum nicht anwesend sein darf. Jochen bedauert, dass die Qualität zu häufig bescheiden gewesen sei. Sein professioneller Anspruch brachte ihm den Auftrag ein, ein Soloklavierkonzert am berühmten Liszt-Flügel aus dem Rokokosaal bei Steingraeber zu streamen. Eine Technik, die ganz und gar nicht trivial ist, da die Latenzen zwischen Bild und Ton ausgeglichen werden müssen, so dass Ton und Video synchron sind und das in Echtzeit. Das beherrscht wirklich nicht jeder.

Natürlich bin ich beeindruckt von so viel Erfahrung und Wissen, kann mir natürlich nur die Hälfte der genannten Fachausdrücke und Geräte merken, aber lasse mich zum Schluss noch schnell mit einem iPhone und 3D-Software scannen.

Sin City Hangover

A Shoot a Day Keeps the Doctor Away?

Glaubt man den Berichten der WHO, sind Depressionen weltweit auf dem Vormarsch. Nehmen wir weiterhin an, dass die Statistiken nicht davon verzerrt sind, dass man heutzutage einem Arzt gegenüber in der Sprechstunde nur beiläufig häufige Müdigkeit erwähnen muss, um einen Burnout bescheinigt zu bekommen. Statt die unfreiwillig verschriebenen Benzodiazepine einzuwerfen, könnte man seine Kamera abstauben und dem Stumpfsinn des Alltags mit Kreativität begegnen. Gesagt, getan.

Her mit nem Thema!

Zunächst muss man sich ein Sujet suchen, das einem passend erscheint. Bei leicht sadistischen Neigungen bieten sich andere Menschen an, denen man mit einem attraktiven Thema ein Fotoshoot schmackhaft macht. Die unermüdliche Bloggerin bekommt praktischerweise häufiger Anfragen von Selfiemüden, die sich auf solch gemeinsame Freizeitgestaltung mit ungewissem Ausgang einlassen. Nicht selten darf die Fotografin die Regie übernehmen und eine lang gehegte Inszenierung versuchen. 

Her mit den Models!

Mir schwebte schon anderthalb Jahre eine Sin-City-Stimmung vor, in der sich die Akteure mit Messergürtel, Knarren, Lack und Leder austoben könnten, während ich im Nachgang dann hemmungslos in schwarz-weiß und rot überzeichnen dürfte. Spaß an der Sache ist garantiert, wenn das Thema leicht umsetzbar ist dank vieler cooler Plakate oder Szenestills aus genanntem Film und der Möglichkeit, mit einfachen Mitteln ein cineastisches Panorama in die Bilder einzufügen. Im Titelbild ist überdies zu sehen, dass Nikon-Kameras durchaus zu der Gattung der scharfen Waffen zählen und sogar Fotografinnen durch Bearbeitungszauber optisch gewinnen.

Kraft durch Freude

Die Risiken und Nebenwirkungen solcher Aktivitäten kann man also in zwei Richtungen beleuchten, nämlich einerseits auf die Tätigkeit des Fotografierens und andererseits auf das Fotografiertwerden bezogen. Die Fotografin recherchiert Hintergründe, sammelt Props, stempelt Blutspritzer, die Modelle verkleiden sich und agieren schauspielerische Ambitionen aus. Das macht Spaß und Laune, zumindest temporär …

Doch besser Valium?

Fast hätte ich also gefolgert, dass ein Fotoshoot Depressionen vertreiben kann, aber letztlich sind die Nebenwirkungen auch beachtlich. Auf der Festplatte stauen sich die zu bearbeitenden Bilder bedrohlich an und drücken unbewusst auf das Gemüt der Photoshopbedienerin. Unsere Modelle indes knüpfen schon wieder Kontakte und bemühen sich um ein nächstes Projekt, während sie noch mit mir im Studio Kaffee trinken. Nach dem Shoot ist vor dem Shoot. Eine leichte Migräne macht sich breit.

 

Vielen Dank an Frank
Frank auf Instagram

und Jessi,
Jessi auf Instagram

die für mich ihr Recht am eigenen Bild mit Füßen treten 😉

 

Sedcarderweiterung

Jede Teilnehmerin an einer Misswahl wünscht sich Weltfrieden, jedes Hobbymodell eine „Sedcarderweiterung“, mein persönliches Unwort des Jahres 2018. Man hat schon Bilder von sich in verschiedensten Outfits, als Zombie mit Kunstblut und Prinzessin im Schnee, nun ist man nur noch an einer freien Zusammenarbeit interessiert, wenn der Fotograf ein besonderes Thema realisieren kann, das sich noch nicht im Portfolio niedergeschlagen hat. Begehrt sind beispielsweise besondere Locations unter Wasser oder historische Schlösser, also aufwändige und kostenintensive Sets. Ob Anfragen von Fotografen, die ein weiteres Porträtshoot im Kellerstudio anbieten, wird verächtlich die Nase gerümpft. Davon hat man ja schon eine Menge. „Langweilig!“, um es mit Homer Simpson zu sagen.

Klingt auch plausibel, wenn ein Model ihre Bandbreite erweitern möchte. Allerdings steht das im Gegensatz zu den meisten Fotografen, die sich qualitativ verbessern möchten, also nicht in die Breite (horizontal), sondern in die Höhe (vertikal). Dazu braucht es das mehrmalige Üben eines Sujets. Statt immer neue Herausforderungen zu suchen, auf hohe Berge zu steigen oder unter Wasser zu tauchen, wird ein Fotograf versuchen, seinen favorisierten Aufnahmebereich zu verfeinern, klingt hehr, dahinter steckt jedoch meist auch eine gehörige Portion Bequemlichkeit, man shootet gerne in Umgebungen, die man schon kennt und technisch beherrscht. Für das Model klingt das nach lästiger Arbeit und Anstrengung, was gern vermieden wird, denn der Spaßfaktor steht weit oben auf der Motivationsskala.

Also versuchen sich beide Seiten an einem Kompromiss: Model und Fotograf nähern sich an und bemühen sich, gleichzeitig eine Steigerung der Qualität und Vielfalt der Aufnahmebereiche zu erreichen, sozusagen eine diagonale Aufwärtsbewegung, wenn die x-Achse für thematische Breite und die y-Achse für Schöpfungshöhe steht, so man es mathematisch-grafisch darstellen will.

Der Fotograf ist gefordert, seine Comfort Zone, das heimische Studio oder die Lieblingslocation zu verlassen und sich in neue Gefilde vorzuwagen, das Model ist gefordert, ihr Posing und ihre Mimik zu verbessern und sich mit faszinierendem Ausdruck im besonderen Setting von der Masse abzuheben. Wenn alle Seiten bereit sind, sich in neue Höhen aufzuschwingen, dann kann Großartiges entstehen.

Für das Beitragsbild „Alternative Lebenskonzepte“ begaben wir uns in eine 12° kalte Räumlichkeit, die Models mussten sich zitternd aus den Klamotten schälen, die Fotografin kämpfte mal wieder zähneknirschend mit dem wackeligen Klinkenadapter am Porty. Danke an Ivonne, Jessi und Frank.

Das Titelbild entstand nach langer Planung und ausführlichem Schminken in Tschechien. Danke an Karolina und David.