Selfie vs. Homeshoot

Moden kommen und gehen, wie der geneigte Leser weiß. Die Schreiberin dieser Zeilen bedauert seufzend, dass manche Trends nicht schnell genug wieder gehen.

Da wäre zum einen das hassgeliebte Selfie. Es verhält sich zum ordentlichen Porträt in etwa so wie schief verlegte Fliesen zum fachgerechten Handwerkerjob. Es ist mitunter verwackelt, stark verzeichnet und schillert in allen Fehlfarben, gerne auch kriselig verrauscht. Die gezeigten Personen lieben es, die Fotografen hassen es, so sie einen geübten Blick und Qualitätsbewusstsein besitzen.

Es geht noch schlimmer. Nach stundenlangem Shoot und nachgeordneter Bildbearbeitung findet der Mensch mit Kamera auf dem Instagramprofil nicht etwa seine mühsam kreierten Werke wieder, sondern ein neues Selfie des Models. 

Wieso ist der selbstgemachte Pixelbrei so beliebt bei Männlein und Weiblein, die es ob ihrer Erfahrungen vor der Kamera besser wissen müssten? Nun, die Antwort ist wie immer erschreckend trivial: weil es Spaß macht. Gerade jetzt hat man sich toll geschminkt, die Haare liegen hollywoodgestylt am Kopf, was sie sonst so selten tun. Just nach dem Workout schimmert das schweißtriefende Waschbrett nebst Bizeps im Spiegel besonders eindrucksvoll … und natürlich kein Mensch mit Kamera greifbar, aber das geliebte Smartphone zur Hand, mit dem man die Wirkung in Echtzeit kontrollieren kann. Kaum gepostet, ergießen sich die Likes von Gleichgesinnten wohltuend auf das Selbstporträt.

Was lernt der Jäger nach dem perfekten Bild daraus? Man muss zielgruppenorientiert denken und niederschwellig arbeiten. Die Lösung kann ein Homeshoot sein, eine Art Territoriumswechsel. Wenn man einem Internetportal für Berufsfotografen glauben schenkt, geht der Trend weg vom cleanen Studiobild hin zum Foto on location. Kim Kardashian macht in ihrem Instagramkanal exemplarisch vor, wie sich Selfie, Studiobild und Locationimpression verschmelzen können zu einem professionellen und überaus pastelligen Gesamtauftritt. Chapeau, liebes Team Kim!

Öffnet sich die Türe zum Privatheim und ein Eindringling mit Kamera darf eintreten, ergibt sich meist ein sehr entspanntes Zusammensein mit Schwatz beim Kaffeetrinken und ein paar stimmungsvolle Bilder auf dem bequemen Bett oder Sessel. Man muss sich ein bisschen auf die Lichtsituation und den Hintergrund einstellen, was auch eine Frage der Übung ist, aber letztlich kann man vielseitiger arbeiten als vor dem ewig weißen, grauen oder andersfarbig monochromen Papierhintergrund.

Wir streichen das Wort „Win-Win-Situation“ von unserer Bingokarte und planen das nächste Homeshoot.

Danke an Caramelli und Vanessa für die Erlaubnis, ihre Bilder zu veröffentlichen.