Sedcarderweiterung

Jede Teilnehmerin an einer Misswahl wünscht sich Weltfrieden, jedes Hobbymodell eine „Sedcarderweiterung“, mein persönliches Unwort des Jahres 2018. Man hat schon Bilder von sich in verschiedensten Outfits, als Zombie mit Kunstblut und Prinzessin im Schnee, nun ist man nur noch an einer freien Zusammenarbeit interessiert, wenn der Fotograf ein besonderes Thema realisieren kann, das sich noch nicht im Portfolio niedergeschlagen hat. Begehrt sind beispielsweise besondere Locations unter Wasser oder historische Schlösser, also aufwändige und kostenintensive Sets. Ob Anfragen von Fotografen, die ein weiteres Porträtshoot im Kellerstudio anbieten, wird verächtlich die Nase gerümpft. Davon hat man ja schon eine Menge. „Langweilig!“, um es mit Homer Simpson zu sagen.

Klingt auch plausibel, wenn ein Model ihre Bandbreite erweitern möchte. Allerdings steht das im Gegensatz zu den meisten Fotografen, die sich qualitativ verbessern möchten, also nicht in die Breite (horizontal), sondern in die Höhe (vertikal). Dazu braucht es das mehrmalige Üben eines Sujets. Statt immer neue Herausforderungen zu suchen, auf hohe Berge zu steigen oder unter Wasser zu tauchen, wird ein Fotograf versuchen, seinen favorisierten Aufnahmebereich zu verfeinern, klingt hehr, dahinter steckt jedoch meist auch eine gehörige Portion Bequemlichkeit, man shootet gerne in Umgebungen, die man schon kennt und technisch beherrscht. Für das Model klingt das nach lästiger Arbeit und Anstrengung, was gern vermieden wird, denn der Spaßfaktor steht weit oben auf der Motivationsskala.

Also versuchen sich beide Seiten an einem Kompromiss: Model und Fotograf nähern sich an und bemühen sich, gleichzeitig eine Steigerung der Qualität und Vielfalt der Aufnahmebereiche zu erreichen, sozusagen eine diagonale Aufwärtsbewegung, wenn die x-Achse für thematische Breite und die y-Achse für Schöpfungshöhe steht, so man es mathematisch-grafisch darstellen will.

Der Fotograf ist gefordert, seine Comfort Zone, das heimische Studio oder die Lieblingslocation zu verlassen und sich in neue Gefilde vorzuwagen, das Model ist gefordert, ihr Posing und ihre Mimik zu verbessern und sich mit faszinierendem Ausdruck im besonderen Setting von der Masse abzuheben. Wenn alle Seiten bereit sind, sich in neue Höhen aufzuschwingen, dann kann Großartiges entstehen.

Für das Beitragsbild „Alternative Lebenskonzepte“ begaben wir uns in eine 12° kalte Räumlichkeit, die Models mussten sich zitternd aus den Klamotten schälen, die Fotografin kämpfte mal wieder zähneknirschend mit dem wackeligen Klinkenadapter am Porty. Danke an Ivonne, Jessi und Frank.

Das Titelbild entstand nach langer Planung und ausführlichem Schminken in Tschechien. Danke an Karolina und David.