Für den guten Selbstzweck

Fotowalks, Shootingpartys (z.B. Grillen – Quatschen – Shooten) oder die Steigerung desselben: Fotomarathons, erfreuen sich großer Beliebtheit. Es treffen sich Leute im Rahmen von sozialen Treffen vor und hinter der Kamera, der eine will knipsen, der andere posen. Man schlendert gemeinsam durch eine Stadt oder einen Park, mit oder ohne gestellte Fotoaufgaben, danach kehrt man ein oder ist sonstwie gesellig beieinander. Feine Sache, wenn nur das lästige Fotografieren nicht wäre. Ständig eine Kamera im Anschlag zu halten, das gibt Muskelkater. Am Ende des Events vermüllt man die Festplatte mit hunderten überwiegend belanglosen Bildern.

Es ist wie im sonstigen Leben auch hier der Fall: um etwas Interessantes zu zeigen, muss man faszinierende Leute kennen, besondere Orte aufsuchen und außergewöhnliche Ideen haben. Teilnehmer o.g. Veranstaltungen marschieren in der Herde mit und kommen dann mit fast gleichen Bildmotiven heim. Es tröstet ein wenig, dass sich an der frischen Luft bewegt wurde.

Diese Vorgehensweise der Bilderjagd lässt sich an exotische Orte extrapolieren, dann entstehen die weniger üblichen Bilder von bulgarischen Schäfern, indischen Gurus oder massaischen Viehhirten. Gähn …

Finde den Fehler!

Ich kann sie schon hören, die leisen Stimmen, die hier protestieren: „Fotografieren ist ein schönes Hobby, man muss nicht immer einem elitären Anspruch genügen.“ Was soll man denn sonst fotografieren, das der ewig meckernden Blogschreiberin gefallen würde?

Auch Maleficent wird wider besseren Wissens immer wieder gerne genommen.

Der Denkfehler zeigt sich nicht im Was, sondern im Wie. Wer beliebige Leute oder Motive vor der Haustüre knipst, dem geht es nicht ums Bild, sondern ums Fotografieren, um die Beschäftigungstherapie.

Wer sich ein fotografisches Ziel setzt, ein Thema sucht (meinetwegen „Bauern im Hummelgau“ oder „Sägewerke in Oberfranken“), der fängt an Bilderserien zu machen, die für fremde Betrachter genauso interessant sein können. Wer gar über längere Zeit fotografisch dokumentiert, macht sich um die lokale Geschichte verdient. Nichts ist so faszinierend wie die Veränderung der eigenen Lebenswelt.

Ich weiß, ist anstrengend. Blonde und busige Svetlanas im sonnigen Gegenlicht vor Mohnfeldern dagegen, machen mehr Laune (Orte, Namen und Beschaffenheiten der Fotosubjekte sind frei erfunden). Die entstandenen Bilder vergammeln im Digitalnirvana. Der Gedanke, dass Milliarden Bilddaten in wenigen Jahren nicht mehr lesbar oder versehentlich gelöscht sein werden, ist fast beruhigend.

Dass Fotografieren das Festhalten von Erinnerungen ist, ist eine Binse. Und doch ist der schönste Zweck desselben, Familiengeschehen zu konservieren. Als Apothekerin rate ich natürlich zu Fotobüchern gegen die Risiken und Nebenwirkungen korrupter Datenträger. Wer schreibt, bleibt, wer druckt, kuckt. Pardon, aber so ein Blog ist nun mal kostenlos …

Autisten im Fotoladen

Die Strafe für manches Photoshop-Machwerk kann schrecklich sein.

Eine andere Spezies, die mit Begeisterung Pixelmüll produziert, sitzt eher im dunklen Zimmer, nur vom Schein des Monitors erhellt, keine frische Luft, keine Bewegungstherapie, nein, fast immer sind ungesunde Substanzen im Spiel, deren harmlosere Schokolade und Cola sind. Ganz zu schweigen von der autistischen Beschäftigung mit einem toten Gegenstand, mal abgesehen von Rechnern, die ein Eigenleben zu führen scheinen.

Stundenlang browst man durch unübersichtliche Stockbildersammlungen mit sog. Overlays, mit denen man über trübe Novemberbilder noch sonnendurchflutete Strahlenkränze zaubern kann. Gerne auch Bilder mit Blütenblätterregen oder für die dunkleren Gemüter: postapokalyptische Stadtruinen.

Auch Maleficent wird immer wieder gerne genommen.

Warum nur? Man hat also wieder 200 Bilder vor neutralgrauem Hintergrund angefertigt und muss jetzt irgendwas damit machen, die Betonung liegt auf „irgendwas“. Man schlappt also ein paar dieser Overlays über das graue Einerlei und spart das Objekt in der Mitte, meistens ein kaukasisches Mädchen mit Indianerfederschmuck, Zweigen im wirren Haar oder der Klassiker, ein Sachse im Thor-Kostüm mit Hammer und blitzendem Schwert. Ich tippe auf Spätfolgen diverser Netflix-Serien wie „Vikings“ oder andere ebenso absurde Machwerke wie „Games of Thrones“, nur mit Unbekannten, Outfits aus Kunstleder und mehr oder weniger gelungenen Inszenierungen. Richtige bekannte Schauspieler sind auch in zurückhaltend gestalteten Serienbannern auffällig. Hier muss der Photoshop-Operator aber auf maximale Effekthascherei setzen.

Was ist nun der schönere Zeitvertreib: Zielloses Umherirren im Park oder Zusammenwürfeln von künstlichen Pixelwelten – You decide!

Die Autorin ist natürlich am inkonsequentesten von allen und produziert im Photoshop-Kämmerlein Netflix-Serienmotive wie iZombie, weil es Spaß macht. Dank an Model Mina Mandarina und Rassamee Gesell als Rächerin der Verpixelten.