November 2016

Logorrhoe oder auch „unfassbar“

Draußen ist es zu dieser Jahreszeit schon um 16 Uhr dunkel und kalt, also schaute ich mir kürzlich ein paar Video-Interviews von erfolgreicheren und bekannteren Fotografenkollegen als ich es je sein werde auf Youtube an. Ich muss gar keine Namen nennen, es geht mir nicht so sehr um die Personen, deren Arbeit ich sehr schätze. Was mir auffiel, ist die Wortgewalt, mit denen die eigene Tätigkeit beschrieben wird: „unfassbar gut“, „endgeil“, waren die Shoots oder bei der Zusammenarbeit ging den betreffenden Personen einer (oder vielleicht auch mehrere) ab … so und ähnlich klingen die Kommentare der Interviewten.

Vor ein paar Jahren belächelte ich die Vertreter der US-amerikanischen Zunft der Bildschaffenden wegen ihrer überbordenden Adjektive, die im Englischen ähnliches bedeuten wie oben zitiert. Heute bin ich not amused any more und gähne ausführlich.

Worüber habe ich hier zu meckern? Mir fehlt einfach die Substanz. Ich würde mir wünschen, dass man Shoots oder deren Ergebnisse ohne die hohlen Floskeln beschreiben würde. Wenn ich in Facebook durch die Modelkartei oder deren alternatives Pendant scrolle, sehe ich viele Bilder, die genau genommen wenig Originalität haben, aber die Bildkommentare schaffen es noch, sich orgiastisch über jede Mittelprächtigkeit zu überbieten. Superlativissimus (supermegaendgeilst!!!!!111!!) allenthalben. Macht das Gezeigte aber nicht besser. Ich schweige über den Einsatz von Doppel- und Dreifachemojis, vorzugsweise Herzchen.

Der patom_8665ssende medizinische Fachbegriff lautet „Logorrhoe“, eine Kombination aus „Logos“ (Wort) und „Diarrhoe“ (kennt jeder). Dabei hätten die Bilder eigentlich besseres verdient. Es wird von allen Beteiligten doch einiges an Zeit und Kunstfertigkeit investiert. (Immer dran denken, die besten Fotografen zeigen die meisten ihrer Bilder nicht, die schlechten kommen an keinem Kaktus vorbei, ohne ihn auf FB zu posten.)

Gerne stelle ich ein paar tolle deutsche Adjektive zur Verfügung: bezaubernd, stimmig-atmosphärisch, schön getont, ausdrucksstark, prickelnd, verführerisch, eindrucksvoll, gelungen retuschiert – und natürlich: unfassbar gut, weil … Das wäre schon mal der Schritt in die richtige Richtung.

Die Beitragsbilder zeigen Tom Otieno.

Unposed

Unposed kommt aus dem Lateinischen … nicht … und heißt, dass eine Person möglichst natürlich dargestellt ist, also nicht mit Händchen links an der Backe und rechts auf dem Dekolleté. In freier Wildbahn kommt sowas nämlich nicht vor, keine Frau sitzt im Café mit über dem Sternum gespreizten Händen. Sowas entsteht dann, wenn man das Gesicht recht eng beschnitten aufnehmen will und die Hände noch mit im Bild sein sollen. Wirkt leider arg gekünstelt. Ich liebe dagegen den Unposed-Look, wenn die Menschen möglichst so aussehen wie sie selbst, aber letztlich doch die Körper- und Handhaltung durchdacht ist. Also keine Resting-Bitch-Faces mit Rundrücken.

Resting … häh?

Fast wissenschaftliche Erklärung des Begriffs

Auf einem gelungenen Foto darf es schon etwas mehr sein. Für einen Tänzer/eine Tänzerin wäre es tatsächlich normal, eine Pirouette zu drehen, für einen Kampfsportler ein Karatekick oder ähnliches, auch wenn das definitiv posiert ist. Aber ist das nicht schon die Darstellung einer Tätigkeit, eines Hobbys oder Berufs? Wahrscheinlich ist es das, aber es lässt sich doch wunderbar in eine Porträtsession mit einbauen …

Die Herausforderung dabei besteht immer darin, nicht zu langweilen, sondern zu faszinieren. Klar kann man einen überirdisch schönen Menschen auch mit RBF fotografieren und kann nichts dabei falsch machen. Gigi Hadid schaut auch mit Duck Face, Squinch und Fish Gape toll aus.

Weitere Begriffsdefinitionen

Fish Gape ist das neue Duck Face

Ein Blick ins Portfolio und es ist kein Supermodel vorhanden? Die Leute, die man vor der Kamera wiederfindet, sind einfach unglaublich sympathische Menschen, die ein gelungenes Abbild von sich für die Schwiegermutter brauchen? Es sind allerdings Bewegungslegastheniker mit völlig statischen Hobbys wie Fußballschauen?

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Ich weiß nicht, was Ihr Arzt oder Apotheker empfiehlt, aber ich schwöre da auf ein Home Shoot. Man trifft sich mit jemandem, lässt sich auf dessen Sofa nieder, trinkt ein Käffchen (oder ein Gläschen Prosecco), unterhält sich mit der Person und fotografiert wie nebenbei. Am besten man platziert die Person ins Seitenlicht an einem Fenster mit Gardinen und reißt die Blende auf, damit der Hintergrund unscharf wird. Mir gefallen am besten die Einstellungen, wo beide Augen noch scharf sind, auch wenn der Kopf leicht gedreht ist, aber das ist Geschmacksache.

Das Schöne an den heutigen Digitalkameras ist, dass sie auch bei relativ wenig Licht oft noch sehr rauscharme Ergebnisse bringen, gepaart mit einem günstigen 50 1.8 Objektiv hat man schon das Handwerkszeug für wirkungsvolle Porträts. Jetzt nur noch Kamera gerade halten und nicht wackeln beim Abdrücken … im Zweifel also den Prosecco trinken, nicht den Kaffee 😉

Die beiden Beitragsbilder sind ein Beispiel für Posen, die ich als unposed empfinde. Danke an Marina und Marvin für die tolle Zusammenarbeit.