Juli 2016

Bilderflut

In der Modelkarteigruppe auf Facebook sowie dem alternativen Pendant ebenda fiel mir erst kürzlich auf, dass einige Threadersteller sich beschwerten, dass manche Bilder von ihnen nicht so viele Klicks bekämen wie sonst gewohnt. In den sich daraus ergebenden Diskussionen wurde gemutmaßt, dass der Untergang der westlichen Welt unmittelbar bevorstünde und nur noch einschlägige Bilder trotz Keuschheits-Sternchen beim Publikum punkten könnten … der eingeweihte Leser weiß schon, was ich damit meine 😉

Das ist schon eine Überlegung wert, dachte ich bei mir selbst. So hat auch Facebook bekanntermaßen die Algorithmen vor ein paar Wochen dahingehend geändert, dass Fanpages wieder an Reichweite verlieren. Schließlich muss ja Umsatz generiert werden. Eine kostenlose Werbeplattform ist so selten wie das berüchtigte free Lunch.

tessa-2787Allein, mein Blick wanderte auf das gepostete Bild des enttäuschten Models. Und es war mittelprächtig, bissi romantisch, ein paar eingebaute Schmetterlinge, Durchschnittsware, die nur Erbtanten in Verzücken versetzt. Die üblichen Verdächtigen, die solche Gruppen frequentieren, sind von solchem Material nicht mehr zu begeistern. Das schaut man keine Sekunde an, wenn man nicht mit der dargestellten von dem Flatterkram eingerahmten Person verwandt oder verschwägert ist, der überlastete Karpaltunnel spart sich den Klick …

Es liegt daran, dass man es schon zu häufig gesehen hat, der Orginalitätsfaktor ist nach 1.000 märchenhaft angehauchten Bildern einfach nicht mehr gegeben, vor allem, weil das Budget des Shoots eben nicht von Disney kommt und die Fotografin Annie Leibovitz heißt, sondern Alina Müller alias Fairy Photography (Namen sind frei erfunden, stimmen aber wahrscheinlich trotzdem) hier ihre Freundin fotografiert hat und danach in einem Bildeditor noch mehr oder weniger gelungen garnierte.

Das Thema: Bilderflut oder gar -überflutung dürfte uns in den kommenden Jahren sicher noch häufiger beschäftigen. Mein Vorschlag: weniger machen, dafür besser. Und über allem steht: Macht es für Euch, nicht für die Klicks.

Model: Tessa Jean Cook the Great 🙂

Grauen im Grünen

Vorsicht: reißerischer Titel, der eigentlich nichts mit dem Thema zu tun hat 😉

Die mäßig erfolgreiche Studiofotografin begab sich kürzlich im Rahmen eines Gesell-Workshops www.fotosym.de zum Thema „Zauberwald“ in die weiten Fluren der Isar-Auen, um sich fortzubilden. Hinaus aus der Comfort Zone, hinein in das Wetter-Überraschungsei mit Beleuchtung, die ein Eigenleben führt, offiziell auch „Sonne“ genannt. Auf dem Weg zur Location regnete es dauerhaft, bei Ankunft war es einigermaßen trocken und praktischerweise überhangen. Eigentlich ideal für ein Outdoorshoot.

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Stefan Gesells Devise: Nicht kleckern, sondern klotzen. Hier wird die unbegabte Workshop-Teilnehmerin praktisch von der Modelmenge überrannt.

In zwei Trupps à 5 Mann (ich die einzige Trägerin von Doppel-X-Chromosomen) waren wir schnell eingeteilt, ich rätsle immer noch, ob ich es war, deren Körpergeruch den Ausschlag gab, uns Gruppe „Iltis“ zu nennen. Wir krabbelten durchs feuchte Unterholz zu einem großen umfgefallenen Baum, vermoost und verträumt. Ich biss mir in die geballte Faust, während das Model das glitschige, tote Holz erklomm und sich dort amazonenhaft in Position brachte. Gottseidank unverletzt. Seit diesem Tag ist mir klar: Ein Überlebenstraining würde ich keine 2 Stunden durchstehen.

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Du kummst hier nicht rein!

Die Sonne dachte, sie mache uns eine Freude, als sie endlich eine Lücke zwischen den Wolken fand, aber gerade auf Feld und Flur wünscht man keine großen und harten Kontraste, wenn man letztlich Personen fotografiert. Unschöne messerscharfe Schatten unter Nasen und Augen kann man vermeiden, indem man einen Blitz mit Porty einsetzt, aber weiches Available Light ist hier ideal, weil gleichmäßiger und natürlicher. Im Wald ist es auch meist schattig:

Also Blende aufgerissen. Mein zuverlässiges Arbeitsmonster ist ein Sigma 50 1.4, das sogar ganz offen superscharf ist und der AF auf dem Auge sitzt. Verliebt streichelte ich das Hochleistungsobjektiv, aber – o Ach, o Graus! – auf größere Distanzen als ich es sonst einsetze, verschiebt sich der Autofokus dann doch ins Nirvana vor oder hinter dem anvisierten Schärfepunkt (so genau wollte ich es nicht wissen). Praktischerweise habe ich ja ein Sigma-Dock, um die Firmware zu überschreiben und verschiedene AF-Korrekturen je nach Distanz einzupflegen. Hätte ich das mal vor dem Shoot getestet und getan.

In Zeiten von LCD-Displays fällt einem solches Unbill jedoch sehr schnell auf und ich konnte reagieren, in dem ich die Blende dann eben wieder leicht schloss. Größtes Problem ist bei so einem Shoot im Wald nicht technischer Art, sondern eigentlich die Tatsache, dass man eine künstlich-gestellte Situation hat. Gelöst hat das die Art-Direktion, indem sie kurzerhand das Thema „Warriors in the Woods“ ausrief. Amazonen sind dort in ihrem natürlichen Habitat und noch dazu komplett mit Pelz und Patronentasche zu finden. Authenizität – Check!

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Lulu, die Unermüdliche …

Klimatische Abwechslung hatten vor allem die Models zu beklagen, die in 15°C kaltem Wasser gleich neben den Getränkenflaschen Angriffsszenen stellten. Schwerter, Tomahawk, Spieße, alles dabei. Auf dem Weg vom Parkplatz zur Location mussten wir dem Auszug aus Ägypten geähnelt haben. Danach ein wassergekühltes Radler. Das leckere Mittagsessen von Madame Gesell und wie immer nette Gespräche unter gleichgesinnten Verrückten ließen mich neue Kräfte und Hoffnung schöpfen. Immerhin war mein Attention Span nach über 2 Stunden Raserei auf der Autobahn und 3 Stunden Fotografieren ohne hinzufallen merklich verkürzt.

Dann noch ein bisschen urbane Szenen mit den Amazonen vor Graffiti-Wänden fotografiert und schon war ich von den Strapazen des Outdoorshoots erlöst und kaum zweieinhalb Stunden Tiefflug mit Hindernissen auf der A9 später setzte ich mich frisch ans Bildbearbeitungswerk.

Wenn sich jemand fragt, wann das Grauen endlich beginnt, jetzt ist es soweit! Die fortgeschrittene Bildbearbeiterin stellt fest, dass Natur gar nicht so einfach aufzupeppen ist. Grün ist eigentlich ziemlich langweilig. Puh, was tun? Der Indian Summer Filter der NIK-Filter-Sammlung ist in der folgenden Zeit praktisch heißgelaufen. Also erst mal das Grün in Richtung Rotbraun trimmen.

Und dann? Großes Rätseln und Probieren mit nicht ganz überzeugenden Ergebnissen. Aber das für mich gesteckte Lernziel dieses Workshops habe ich erreicht, nämlich herauszufinden, ob Outdoor nicht doch etwas für mich wäre. Während ich diese Zeilen Mitte Juli 2016 schreibe, fällt mein Blick aus dem Fenster auf Regen bei 15 °C. Was war noch mal die Frage?

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Schön und gefährlich – und überzeugend. Rassamee.