Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte?

Ich nehme gleich vorweg, das tut es im seltensten Fall. In einem Aufsatz von 1000 Worten kann ich wesentlich mehr ausdrücken, als es ein komplexes Bild je tun könnte. Eine Aufnahme sagt nichts darüber aus, in welcher Zeit, mit welchen Personen und welches Geschehen zu sehen ist, wenn sie nicht ohnehin aus jedem Geschichtsbuch bekannt ist. Was das Sprichwort vielleicht ausdrücken möchte, ist die Tatsache, dass man mit einem Blick die Bildaussage erfassen, und diese auch noch verblüffend oder originell sein kann.

Nehmen wir aber an, ein Fotograf nimmt sich das Thema „Verzweiflung“ vor. Das Model schlägt die Hände vors Gesicht, kauert embryonal auf dem Boden etc. Aus dem Bild wird ersichtlich, welchen emotionalen Zustand die dargestellte Person durchlebt (oder spielt), aber es wird nicht klar, woher diese Gefühle rühren. Dann könnte man – wie es in Stockbildern gerne gemacht wird – ein surreales Compositing anfertigen und Symbole einzufügen, z.B. eine Flasche Alkohol, einen bedrohlichen Aggressor, dunkle Wolken o.ä. Damit hat man schon einen Schritt zur Erklärung der Sachlage geliefert, lässt aber noch immer Spielraum für Interpretationen. Ich denke an den Kunstunterricht, in dem ich in Aufsätzen regelmäßig im Trüben fischte, um Gemälde zu erklären, die ich tatsächlich kaum verstand. Hier fehlte mir Hintergrundwissen über den Künstler, die Zeit, in der er lebte und den politischen oder sozialen Anspruch, den er in seinem Werk ausdrücken wollte. Die reine Betrachtung des Ergebnisses lieferte mir diese Informationen nicht.

Wer es noch nicht wusste, ich arbeite als Mediengestalterin/Fotografin und mein Metier ist das Layouten/Zusammenfügen von Wort, Bild und Grafik/Illustration. Schrift und Typografie sind für mich die wichtigsten Mittel, um dem gestalteten Foto noch textliche und informative Tiefe zu geben. (Allerdings werde ich dafür gerne kritisiert, meine Bilder gefallen manchen besser ohne eingearbeitete Bildtitel). Fotografie alleine wäre mir zu wenig.

Manche Bilder brauchen eine Botschaft. Denken wir an das berühmte „Ceci n´est pas une pipe“ von Magritte. Bei meinem Beitragsbild „I´m NOT your Martyr“ ist es wieder ein Einspruch, der das Dargestellte relativiert oder gar negiert. Wie gerne glorifzieren wir in der Kunst den Schmerz, das Abweichen, evtl. gar Krankheiten wie Magersucht oder Borderline Personality Disorder, die oft durch die Körpermodifikationen offensichtlich werden. Früher gab es den „Heroin-Schick“, eine morbide Ästhetik der Selbstzerstörung. Heute sind u.a. Bonding-Shoots der Renner. (Man fragt sich, aus welcher Motivation heraus es Freude macht, einen Menschen zu fotografieren, der wie ein Paket verschnürt ist). Aber hier ist keine Märtyrerin gemeint, sondern eine Inszenierung, die mit den Insignien einer solchen kokettiert. Für seinen Glauben zu sterben ist so gänzlich unpittoresk. Sowas hängt man sich nicht an die Wand. Eher in die Kirche:

http://www.sonntagsblatt.de/news/aktuell/2012_30_01_01.htm

Es kann nicht schaden, sich selbst öfter zu prüfen, weshalb einen ein Thema besonders interessiert. Fotografiere ich gerne Tätowierte, weil ich das Bild im Bild gut finde oder möchte ich mit besonderen Motiven Aufsehen erregen? Das sind nur Fragen, keine Verurteilungen. Einer meiner Lieblingskollegen schafft es immer wieder, urbane (Sub-)Kulturen neu zu beleuchten: http://rath-photografie.de. Hier hat jemand einen Stil gefunden, der ihm zu entsprechen scheint, ein (meist) voyeuristischer Blick auf solche Lebenswelten bleibt mir aber zu eindimensional. Insgesamt findet man sich im Fotostudio häufig in der Intimsphäre eines praktisch Unbekannten wieder. Gut, wenn man eine weitere Dimension in die Bilder einbringen kann, z.B. etwas Sozial- oder Gesellschaftskritisches, oder es zumindest versucht.

totally twisted

Totally Twisted

Je mehr ich mit der Bedeutung meiner freien Arbeiten ringe, desto mehr frage ich mich, ob es sich lohnt, so viel Energie dafür aufzubringen. Manchmal winkt mir die Malerei von ferne. Michael Strogies hat diese mit der Fotografie genial kombiniert. https://www.facebook.com/michael.strogies/. Die Pinselschwingerei hat den Vorteil, dass man ohne Umwege über ein menschliches Medium ausdrücken kann, was man empfindet. Die Schau in sich selber macht es aber noch schwerer als die letztlich oberflächliche Fotografie. Doh!

In dem Spannungsfeld zwischen bildhaftem Ausdruck und textlicher Erklärung entsteht hoffentlich Sinn und Bedeutung – ohne 1000 Worte bemühen zu müssen. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

PS. Nachtrag: Oliver Rath ist leider wenige Wochen nach dem Blogeintrag verstorben.

Beitragsbilder: Triz Täss, Juli 2016. „I´m NOT your Martyr“ und „Totally Twisted“