Der weibliche Blick – ein Mythos?

Vor ein paar Jahren zeigte ich ein paar meiner privaten Street-Schnappschüsse in dem größten deutschsprachigen Fotoforum dslr-forum.de. Wie war ich erstaunt, als ein User kommentierte, dass er in den Bildern den weiblichen Blick entdeckte. Jetzt war ich aber platt. Ich hätte nicht sagen können, woran man das hätte festmachen können.

Zu gerne würde ich einen Blindtest machen und Bilder von Männern und Frauen zur Beurteilung vorlegen, ob man das Geschlecht des Fotografen erraten könne. Woran wäre das zu erkennen? Am Sujet vielleicht? Frauen fotografieren Kinder und Katzen, Männer Autos und Aktbilder? Nein, das wäre zu einfach. Bevorzugen Frauen Teleobjektive und Männer Weitwinkel? Die Sammlerinnen konzentrieren sich aufs Nahe, der Jäger hat das Große und Ganze im Blick? Kann ich mit einem Blick in die Portfolios meiner KollegInnen verneinen. Auch soziale Themen, z.B. Flüchtlingselend oder Prostituiertenalltag, gibt es nicht überwiegend von Frauen, wie man vermuten würde. Lassen wir ausnahmsweise verträumte Bilder mit wallenden Prinzessinnenkleidern und Photoshop-Feenstaub aus dem Fokus, die natürlich ein klassisches Mädchenthema sind. Hier geht es mir um People Photography von Erwachsenen.

Gleichnamiger Bildband zeigt Bilder von Fotografinnen

In der Rezension des Titels „Der weibliche Blick” unter …

Klick mich!

… lesen wir folgendes Zitat:

DIE Fotografin gibt es also nicht.

Und doch gibt es Gemeinsamkeiten. Denn eines fällt sofort ins Auge: Frauen fotografieren Frauen. Die Fotografinnen haben allesamt dieselbe Erfahrung gemacht, nämlich, dass Frauen sich ihnen schneller öffneten, sich ihnen leichter anvertrauten als ihren männlichen Kollegen. Sie sind eher bereit sind, ganz private, Fotos von sich machen zu lassen. Auch erotische.

Das muss nicht in jedem Fall so sein. Genauso wie manche Frauen einen Gynakologen vorziehen, gibt es welche, die es natürlicher finden, ein männliches Gegenüber hinter der Kamera zu wissen. (Übrigens scheint das auch umgekehrt zu gelten, männliche Models haben auch ihre persönlichen Präferenzen). Glaubt mir, Kochen ist ein Frauenmetier, aber wenn ich einen Sterneköchin wünsche, tue ich mich schwer eine zu finden. Die Feministinnen unter den geneigten Leserinnen mögen mit den Augen rollen, wenn ich sage, dass Männer oft einen besseren Blick für ihre weiblichen Models haben und sie besser in Szene zu setzen wissen.

Ein Seitenblick auf die Kunst mit Farbdose

In einem Buch mit dem Titel „Graffity Woman“ …

– Gibt es hier zu kaufen –

… las ich heute den bedeutungsschwangeren Satz: „Der Unterschied zwischen mir und meinen männlichen Kollegen besteht darin, dass ich mich beim Pinkeln hinsetze.“ Also für die gesprühte Kunst sieht die Graffiti-Dame ihr Geschlecht als vernachlässigbar. Wo liegt also der Casus Knaxus?

Nehmen wir mal an, bei einem Aktmodel-Sharing fotografieren abwechselnd drei Frauen und drei Männer ein Model. Werden die Bildergebnisse sich unterscheiden? Davon gehe ich aus, denn in der Fotografie hängt sehr viel von der Interaktion ab. Models stellen sich auf ihre Zielgruppe ein, posen sie für ihren Freund/ein Datingportal oder wollen sie z.B. Bilder für sich privat in einer Atmosphäre von Vertrautheit und Einfühlungsvermögen. Diese Faktoren bestimmen die Bildanmutung sicher mit.

„Der weibliche Blick“ wäre also für mich zu kurz gegriffen, eher würde ich sagen, es ist der Spiegel der fotografierten Person in der Person der Fotografin/des Fotografen. Ein Model meinte einmal zu mir, dass Frauen besser vorbereitet in ein Shoot gehen und ihre Vorstellungen besser verbal ausdrücken könnten, während Männer gerne spontan und in der Aktion ihre Bildserien entwickeln. Also doch! Östrogen vs. Testosteron als Bildzutat 😉 Die Unterschiede könnten jedoch subtiler sein, als es uns lieb ist, ich nehme an, es handelt sich tatsächlich um Nuancen.

Beitragsbilder: Natürlich ein Mann 🙂 Danke an Sven Weiss, Kampfsportler und Breakdancer – ganz ohne Fett 😉