Juli 2016

Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte?

Ich nehme gleich vorweg, das tut es im seltensten Fall. In einem Aufsatz von 1000 Worten kann ich wesentlich mehr ausdrücken, als es ein komplexes Bild je tun könnte. Eine Aufnahme sagt nichts darüber aus, in welcher Zeit, mit welchen Personen und welches Geschehen zu sehen ist, wenn sie nicht ohnehin aus jedem Geschichtsbuch bekannt ist. Was das Sprichwort vielleicht ausdrücken möchte, ist die Tatsache, dass man mit einem Blick die Bildaussage erfassen, und diese auch noch verblüffend oder originell sein kann.

Nehmen wir aber an, ein Fotograf nimmt sich das Thema „Verzweiflung“ vor. Das Model schlägt die Hände vors Gesicht, kauert embryonal auf dem Boden etc. Aus dem Bild wird ersichtlich, welchen emotionalen Zustand die dargestellte Person durchlebt (oder spielt), aber es wird nicht klar, woher diese Gefühle rühren. Dann könnte man – wie es in Stockbildern gerne gemacht wird – ein surreales Compositing anfertigen und Symbole einzufügen, z.B. eine Flasche Alkohol, einen bedrohlichen Aggressor, dunkle Wolken o.ä. Damit hat man schon einen Schritt zur Erklärung der Sachlage geliefert, lässt aber noch immer Spielraum für Interpretationen. Ich denke an den Kunstunterricht, in dem ich in Aufsätzen regelmäßig im Trüben fischte, um Gemälde zu erklären, die ich tatsächlich kaum verstand. Hier fehlte mir Hintergrundwissen über den Künstler, die Zeit, in der er lebte und den politischen oder sozialen Anspruch, den er in seinem Werk ausdrücken wollte. Die reine Betrachtung des Ergebnisses lieferte mir diese Informationen nicht.

Wer es noch nicht wusste, ich arbeite als Mediengestalterin/Fotografin und mein Metier ist das Layouten/Zusammenfügen von Wort, Bild und Grafik/Illustration. Schrift und Typografie sind für mich die wichtigsten Mittel, um dem gestalteten Foto noch textliche und informative Tiefe zu geben. (Allerdings werde ich dafür gerne kritisiert, meine Bilder gefallen manchen besser ohne eingearbeitete Bildtitel). Fotografie alleine wäre mir zu wenig.

Manche Bilder brauchen eine Botschaft. Denken wir an das berühmte „Ceci n´est pas une pipe“ von Magritte. Bei meinem Beitragsbild „I´m NOT your Martyr“ ist es wieder ein Einspruch, der das Dargestellte relativiert oder gar negiert. Wie gerne glorifzieren wir in der Kunst den Schmerz, das Abweichen, evtl. gar Krankheiten wie Magersucht oder Borderline Personality Disorder, die oft durch die Körpermodifikationen offensichtlich werden. Früher gab es den „Heroin-Schick“, eine morbide Ästhetik der Selbstzerstörung. Heute sind u.a. Bonding-Shoots der Renner. (Man fragt sich, aus welcher Motivation heraus es Freude macht, einen Menschen zu fotografieren, der wie ein Paket verschnürt ist). Aber hier ist keine Märtyrerin gemeint, sondern eine Inszenierung, die mit den Insignien einer solchen kokettiert. Für seinen Glauben zu sterben ist so gänzlich unpittoresk. Sowas hängt man sich nicht an die Wand. Eher in die Kirche:

http://www.sonntagsblatt.de/news/aktuell/2012_30_01_01.htm

Es kann nicht schaden, sich selbst öfter zu prüfen, weshalb einen ein Thema besonders interessiert. Fotografiere ich gerne Tätowierte, weil ich das Bild im Bild gut finde oder möchte ich mit besonderen Motiven Aufsehen erregen? Das sind nur Fragen, keine Verurteilungen. Einer meiner Lieblingskollegen schafft es immer wieder, urbane (Sub-)Kulturen neu zu beleuchten: http://rath-photografie.de. Hier hat jemand einen Stil gefunden, der ihm zu entsprechen scheint, ein (meist) voyeuristischer Blick auf solche Lebenswelten bleibt mir aber zu eindimensional. Insgesamt findet man sich im Fotostudio häufig in der Intimsphäre eines praktisch Unbekannten wieder. Gut, wenn man eine weitere Dimension in die Bilder einbringen kann, z.B. etwas Sozial- oder Gesellschaftskritisches, oder es zumindest versucht.

totally twisted

Totally Twisted

Je mehr ich mit der Bedeutung meiner freien Arbeiten ringe, desto mehr frage ich mich, ob es sich lohnt, so viel Energie dafür aufzubringen. Manchmal winkt mir die Malerei von ferne. Michael Strogies hat diese mit der Fotografie genial kombiniert. https://www.facebook.com/michael.strogies/. Die Pinselschwingerei hat den Vorteil, dass man ohne Umwege über ein menschliches Medium ausdrücken kann, was man empfindet. Die Schau in sich selber macht es aber noch schwerer als die letztlich oberflächliche Fotografie. Doh!

In dem Spannungsfeld zwischen bildhaftem Ausdruck und textlicher Erklärung entsteht hoffentlich Sinn und Bedeutung – ohne 1000 Worte bemühen zu müssen. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

PS. Nachtrag: Oliver Rath ist leider wenige Wochen nach dem Blogeintrag verstorben.

Beitragsbilder: Triz Täss, Juli 2016. „I´m NOT your Martyr“ und „Totally Twisted“

Der weibliche Blick – ein Mythos?

Vor ein paar Jahren zeigte ich ein paar meiner privaten Street-Schnappschüsse in dem größten deutschsprachigen Fotoforum dslr-forum.de. Wie war ich erstaunt, als ein User kommentierte, dass er in den Bildern den weiblichen Blick entdeckte. Jetzt war ich aber platt. Ich hätte nicht sagen können, woran man das hätte festmachen können.

Zu gerne würde ich einen Blindtest machen und Bilder von Männern und Frauen zur Beurteilung vorlegen, ob man das Geschlecht des Fotografen erraten könne. Woran wäre das zu erkennen? Am Sujet vielleicht? Frauen fotografieren Kinder und Katzen, Männer Autos und Aktbilder? Nein, das wäre zu einfach. Bevorzugen Frauen Teleobjektive und Männer Weitwinkel? Die Sammlerinnen konzentrieren sich aufs Nahe, der Jäger hat das Große und Ganze im Blick? Kann ich mit einem Blick in die Portfolios meiner KollegInnen verneinen. Auch soziale Themen, z.B. Flüchtlingselend oder Prostituiertenalltag, gibt es nicht überwiegend von Frauen, wie man vermuten würde. Lassen wir ausnahmsweise verträumte Bilder mit wallenden Prinzessinnenkleidern und Photoshop-Feenstaub aus dem Fokus, die natürlich ein klassisches Mädchenthema sind. Hier geht es mir um People Photography von Erwachsenen.

Gleichnamiger Bildband zeigt Bilder von Fotografinnen

In der Rezension des Titels „Der weibliche Blick” unter …

Klick mich!

… lesen wir folgendes Zitat:

DIE Fotografin gibt es also nicht.

Und doch gibt es Gemeinsamkeiten. Denn eines fällt sofort ins Auge: Frauen fotografieren Frauen. Die Fotografinnen haben allesamt dieselbe Erfahrung gemacht, nämlich, dass Frauen sich ihnen schneller öffneten, sich ihnen leichter anvertrauten als ihren männlichen Kollegen. Sie sind eher bereit sind, ganz private, Fotos von sich machen zu lassen. Auch erotische.

Das muss nicht in jedem Fall so sein. Genauso wie manche Frauen einen Gynakologen vorziehen, gibt es welche, die es natürlicher finden, ein männliches Gegenüber hinter der Kamera zu wissen. (Übrigens scheint das auch umgekehrt zu gelten, männliche Models haben auch ihre persönlichen Präferenzen). Glaubt mir, Kochen ist ein Frauenmetier, aber wenn ich einen Sterneköchin wünsche, tue ich mich schwer eine zu finden. Die Feministinnen unter den geneigten Leserinnen mögen mit den Augen rollen, wenn ich sage, dass Männer oft einen besseren Blick für ihre weiblichen Models haben und sie besser in Szene zu setzen wissen.

Ein Seitenblick auf die Kunst mit Farbdose

In einem Buch mit dem Titel „Graffity Woman“ …

– Gibt es hier zu kaufen –

… las ich heute den bedeutungsschwangeren Satz: „Der Unterschied zwischen mir und meinen männlichen Kollegen besteht darin, dass ich mich beim Pinkeln hinsetze.“ Also für die gesprühte Kunst sieht die Graffiti-Dame ihr Geschlecht als vernachlässigbar. Wo liegt also der Casus Knaxus?

Nehmen wir mal an, bei einem Aktmodel-Sharing fotografieren abwechselnd drei Frauen und drei Männer ein Model. Werden die Bildergebnisse sich unterscheiden? Davon gehe ich aus, denn in der Fotografie hängt sehr viel von der Interaktion ab. Models stellen sich auf ihre Zielgruppe ein, posen sie für ihren Freund/ein Datingportal oder wollen sie z.B. Bilder für sich privat in einer Atmosphäre von Vertrautheit und Einfühlungsvermögen. Diese Faktoren bestimmen die Bildanmutung sicher mit.

„Der weibliche Blick“ wäre also für mich zu kurz gegriffen, eher würde ich sagen, es ist der Spiegel der fotografierten Person in der Person der Fotografin/des Fotografen. Ein Model meinte einmal zu mir, dass Frauen besser vorbereitet in ein Shoot gehen und ihre Vorstellungen besser verbal ausdrücken könnten, während Männer gerne spontan und in der Aktion ihre Bildserien entwickeln. Also doch! Östrogen vs. Testosteron als Bildzutat 😉 Die Unterschiede könnten jedoch subtiler sein, als es uns lieb ist, ich nehme an, es handelt sich tatsächlich um Nuancen.

Beitragsbilder: Natürlich ein Mann 🙂 Danke an Sven Weiss, Kampfsportler und Breakdancer – ganz ohne Fett 😉

Von Musen und Menschen

Eine wachsende Zahl von Amateuren sieht sich nach der ersten Begeisterung der technischen Möglichkeiten im Fotostudio mit inhaltlichen Fragen ihres Tuns konfrontiert. Zunächst einmal ist man fasziniert ob der Möglichkeiten, die man mit Blitzen nebst Lichtformern hat. Es ist schon etwas ganz besonderes, wenn man nicht auf die Qualität des available lights angewiesen ist und die Plastizität des menschlichen Körpers herausarbeiten kann, wie es z.B. bei Outdoorshoots niemals möglich wäre.

In der bildenden Kunst, Malerei und Skulptur, ist das meist dargestellte Sujet zweifelsohne der menschliche, insbesondere: der weibliche Körper. So lerne ich häufig Gleichgesinnte auf Foto-Workshops kennen, die versuchen, einen eigenen Ausdruck in ihrer Bildsprache zu finden. Das ist aber gar nicht so leicht. Einfacher wäre es, z.B. an Schaufensterpuppen zu üben, aber der Vergleich drängt sich geradezu auf: das wäre dann Barbiepuppenspielen nur in groß. Wir haben aber schon eine höhere Stufe auf der Leiter der People-Fotografie erklommen und brauchen ein Model aus Fleisch und Blut, in mehr als 90% der Fälle übrigens eine Frau. Ausnahmsweise eine Benachteiligung der Männer!

Wirklich tolle Synergien ergeben sich bei Pärchen, in denen der eine Part fotografiert, der andere modelt, hier ist Vertrautheit neben einer längerfristigen Auseinandersetzung mit einem Thema eine ideale Basis für beide, sich weiterzuentwickeln. Ich kenne nur wenige Beispiele. Musen – auch männliche – scheinen ein seltenes Gut zu sein.

Bekannte von mir fotografieren daher gerne wechselnde TfP-Teilnehmerinnen, ein Model auf Facebook macht nur noch Selfies, die aber hochgelobt werden (auch Stefan Dokoupil hat in seinen freien Projekten sehr faszinierende inszenierte Selbstbildnisse veröffentlicht), Gottfried Helnwein stellt eigentlich nur noch Kinder dar. Aber die Suche nach einem Hauptmodel ist ein wiederkehrendes Thema in meinen Gesprächen mit den Kollegen.

Seien wir ehrlich: Das Rezept für ein gutes Bild ist ein wohlgeformter, extrem gut aussehender Mensch mit interessantem Posing und Outfit. Tatooliebhaber halten nach solchem Körperschmuck Ausschau, Lifestyle-Fotografen wünschen LiLaLaune-Mädels mit Franzenschnitt, manch einer bevorzugt Tänzer oder bärtige Hipsters. Jeder kennt seine Vorlieben. Denn was einem gefällt, dem widmet man gerne viel Zeit. Wir erinnern uns: Fotografie ist aufwändig, von Model-/Location-/Themensuche bis zur bearbeiteten Serie können einem drei graue Haare wachsen oder mehr. Ein Blick in den Spiegel bestätigt mir, dass sich das läppert.

Ginge es nur darum, hübsche, schlanke Mädels in coolen Klamotten abzulichten, wäre der Blogeintrag hier zu Ende. Die gibt es zuhauf und sind gerne zu TfP-Shoots bereit. Aber da sind wir wieder beim Barbiepuppenspielen auf Höchstniveau, mal ein blaues Kleidchen, dann ein pinkes Oberteilchen – austauschbar – die Fotogruppen im Internet sind voll davon.

Was ist denn nun eine fotografische Muse? Der/die Seelenverwandte vor der Kamera, der das widerspiegeln kann, was der Mensch mit dem Zeigefinger auf dem Auslöseknopf darstellen möchte. Klingt nach Schauspielern und wahrscheinlich ist es das auch, alles andere wäre Dokumentation …

Information zum Beitragsbild: Eine Zusammenarbeit mit dem alternativen Model und Posing-Genie Triz Täss.
Triz Täss auf Facebook