Workshop-Hype

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In den letzten Jahren habe ich es vermieden, an dem allgemeinen Workshop-Hype teilzunehmen. Da gibt es so viele, die tolle Models buchen und einem zeigen wollen, wie man im Fotostudio das Maximum aus den Sets herausholen kann. Eigentlich war ich eher auf der anderen Seite anzusiedeln, habe lieber mein Studio interessierten Amateuren geöffnet, als dass ich die Führung und Inspiration gesucht hätte. Der große Name, der mich zuerst dazu brachte, auf den Buchungs-Button zu klicken, war Guido Karp, der größte deutsche Konzertfotograf – zeitgenössisch lebend und überhaupt. Eine Legende an sich. Im Februar 2013 hing ich in einem coolen Bamberger Programmkino an seinen Lippen, als er von seinem Workflow und seinen Erfahrungen als Top Shot am Foto-Olymp sprach. Ein Genuss über Stunden, egal wie märchenhaft und abgehoben seine Erzählungen für mich als Provinzfotografin klangen. Ein toller Redner und – was ich an Menschen am meisten schätze – ein großzügiger Mensch, der einem die Schätze und Perlen geradezu vor den Schweinerüssel warf. Die Art von Mensch, mit der ich gerne ein Glas Wein trinken möchte und dabei aus dem grenzdebilen Grinsen nicht mehr herauskommen.

Zwei arbeitsreiche und freizeitarme Jahre später stieß ich auf eine kleine Werbung von Stefan Gesell meets Pixlamore Studio in Urspringen. Moment, wo soll das sein? Ah, in der Nähe von Würzburg! Für eine in Bayreuth ansässige und an Samstagen unabkömmliche Fotografin eine leicht erreichbare Gegend, und dazu noch an einem Sonntag. Also nix wie gebucht und nix wie hin. Warum eigentlich? Surreale Fotografie war jetzt nicht mein Thema, aber ich bin leicht zu beeindrucken und zu faszinieren. Die Bilder auf der Werbung sprachen mich an. Warum nicht einen Kontrapunkt setzen zu meiner bisherigen quietschig-bunten und dekorativen Arbeit?

Auf der Anzeige von Stefan Gesell stand „Anti-Boring“-Garantie. Im Nachhinein sage ich, ein Hinweis auf die Nebenwirkungen ihres Arztes oder Apothekers wäre zielführender gewesen: „Vorsicht, dieser Workshop kann suchtähnliches Verhalten auslösen!“ Zunächst war davon nichts zu spüren. Nach Ankunft war ich tatsächlich gefordert, mich auf den „Poden“ zu werfen und aus der Ameisenperspektive bei 24 mm den Models zu Füßen zu liegen. Fokus auf der Fußspitze von hochhackigen Schuhen.

Habe ich mich gelangweilt? Keine Sekunde. Im Gegenteil, ich habe dort sympathische Gleichgesinnte kennen gelernt und wertvolle Tipps für meinen Photoshop-Workflow bekommen. Die Aktionen, die ich per E-Mail zugeschickt bekam, bereichern meine Arbeit bis heute. Schon allein deshalb haben sich die paar Euro gelohnt. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist unschlagbar. Wer unter uns schon mal ein tolles Model für zwei Stunden gebucht hat, weiß es zu schätzen, wenn er sich nur mit Kamera bewappnet in Embryonalposition vor drei bis vier Weltklassemodels werfen muss und auf den Auslöser drücken.

Unter uns Pfarrers Kindern, die wir viel Zeit damit verbringen, völlig talentfreien, aber ansehnlichen Menschen vorzutanzen, wie sie am besten vor dem Objektiv aussähen, ist es doch immer wieder ein großes Vergnügen, einem Team von kreativen Profis gegenüberzutreten und sich verzaubern zu lassen. O diese Passivität, statt selber zu agieren, zu denen zu gehören, denen gecatert wird …

Als „oberfränkische Bäuerin“ neige ich zu sparsamem Verhalten. Umso erstaunter war ich, dass ich einen Monat nach der erfreulichen Erfahrung in Urspringen bereits den nächsten Workshop in Unterhaching, der Heimat von Stefan Gesell und seinem Kreativ-Team buchte. Ich konnte es mir selber schönreden, dass ich ja in diesem Jahr 2015 noch etwas Urlaubsbudget hätte. Wie gut, wenn man das mit Vor- und Einkommensteuer absetzen kann.

Vor Ort stellte ich fest, dass der Künstler mit seinen Models (eine davon seine Ehefrau) wesentlich entspannter und kreativer agierte als im Exil in Urspringen. Ein paar Kilometer weiter zu fahren, macht hier einen großen Unterschied. Was sich im Heimatstudio jedoch wiederholte, war die Tatsache, dass der Workshop-Neuling feststellen musste, dass er zu einer Art eingeschworener Gemeinde stieß, die sich seit Jahren kennt und wie daheim fühlt. Schon wieder dieses grenzdebile Lächeln in meinem Gesicht. Sieben Stunden lang ist das fast schon anstrengend.

Der geneigte Leser wird sich fragen, wie es mit der Bloggerin weiterging. Es war nicht abzuwenden, schon wurde ein dritter Workshop gebucht. Zu vielfältig und innovativ sind die Ideen des SG-Teams, als dass man längere Zeit abstinent sein könnte.

Letztlich fragt man sich, wie man es all die Jahre ohne diese Workshops aushalten konnte.

Für Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie am besten die üblichen Verdächtigen um Stefan Gesell und seine Neon Chicks …

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